Druckschrift 
5 (1853) Mit einem vollständigen Register über alle fünf Bände
Entstehung
Seite
229
Einzelbild herunterladen
 

Jean Paul.

22 »

im Le b en, früher inderSommerseitcder Poesie als in der Wetterseite derWirklichkeit; unglückliche Liebe kam dazu, er stürzte sich in böse Zerstreuun-gen, und stcllte dann Alles poetisch dar, was er bereute oder segnete;jede Darstellung höhlte ihn tiefer aus. Sein Herz konnte die heilig-sten Empfindungen nicht lassen, aber sie waren Schwelgereienoder Stärkungsmittel für ihn: gerade von der Höhe lief derWeg zu den Sümpfen abschüssiger. Er liebte nicht, aber erglaubte es; war bald Schwärmer, bald Libertin in der Liebe, unddurchlief Aether und Schlamin schnell wechselnd, bis er beide vermischte.Er stürzte sich zuweilen absichtlich in Sünde und Moder, um sich durchdie Wunde der Reue den Schwur der Rückkehr tiefer einzuschneiden.Aeußere Verhältnisse hätten ihm vielleicht helfen kön-nen, aber das müßige Offirier- (Schreiber-) Leben arbeitete ihn blosnoch eitler und kecker aus. Ein Herz war in ihm, dessen Gefühl mehrlyrisches Gedicht als wahres dichtes Wesen ist, unfähig, wahr, jakaum falsch zu sein, weil jede Wahrheit zur poetischen Darstellung auö-artete, und diese wieder zu jener; mit ruchloser Kraft vermögend Alleszu wagen und zu opfern, was der Mensch achtet, in seinen Entschlüssenverzagend und sogar in seinen Jrrthümern schwankend, aber doch nurdes Stimmhammers, nicht der Stimmgabel der feinsten Moralität be-raubt, und mitten im Brausen der Leidenschaft stehend im hellsten Lichtder Besonnenheit. Solche Naturen wollen die Verheerung der Mensch-heit durch Treue gegen Einen vergüten. Sie sympathisiren mit den tra-gischen Gewitterwolken in Shakespeare, Göthe, Klinger, Schiller, (JeanPaul). Glaubst du, sagt Roguairol selbst, daß die Roman- und Tra-gödienschreiber, nämlich die Genies darunter, die Alles, Gottheit undMenschheit tausendmal nachgeässt haben, anders sind als ich? Diesist in der That ein schreckendes Gemälde von den ausgearteten Wirkun-gen, die von der Dichtung dann ausgehen müssen, wenn sie allein undeinzig die Erzieherin der Seele und die Quelle unserer Bildung aus-macht. Und wie wenig diese Wirkungen übertrieben sind, zeigen uns dieSecnen aus dem Inneren des Familienlebens in Frankreich, die wirschaudernd erleben, eben so gut, wie uns der dortige und der hiesige Zu-stand der belletristischen Literatur der Verzweiflung, wie sie Göthe vor-treffliche benannte, beweisen kann, daß auch die Ursache eines solchenWüstlingslebens der Verzweiflung eben so schlagend auf diese zurück-geleitct ist.

In den Titan, von dem er noch in den Flegeljahren mit vielemSelbstgefühle sprach, wollte Jean Paul das Herzblut seines Lebens