226 Uebersicht der schönen Prosa (Romanliteratur).
richtige Mitte des Lebens herumgehen sehen, wie wir ihn sich zwischenLachen und Weinen durchbewegen sehen, ohne aus dem mittleren Standedes Ernstes je nur auf Minuten sich erhalten zu können, so geht er hieran dem eigentlichen mittleren Begriff der Menschheit, der zwischen Engelund Thier so sichtbar für jeden erst keimenden Verstand liegt, wie ab-sichtlich blind vorüber. Und mit eben jenem titanischen Trotze, der, wiees scheint, der beste Beweis sein soll, rust er: der Schöpfer habe uns zuLeiden nicht schaffen dürfen! nicht dürfen! und die Unförmlichkeit zwi-schen unserem Wunsche und unserem Verhältniß bleibe Blasphemie, wennwir verschwänden! Aber Lessing wünschte gar nicht! Förster hoffte garnicht! Lichtenberg wagte gar nicht zu hoffen! Selbst der edle Schillersah die Unsterblichkeit nur als einen Beruhigungsgrund für unserenTrieb nach Fortdauer an, also für unsere Sinnlichkeit. Und sind sienicht auch menschliche Naturen? Vielleicht nennt man es Kleinmüthig-keit, so bereitwillig wie diese zu resigniren; aber wer würde darum sostarkmüthig aus ein Recht pochen wollen, wo kein Gesetz geschrieben ist?
Von nun an wiederholt sich im Grunde Jean Paul'ö Autorschaftund bringt uns wenig Neues mehr, obwohl wir anerkennen müssen, daßTitan und die Flegeljahre die bedeutsamsten Werke sind, um seine ge-sammte Schriftstellerei von ihren zwei Hauptseiten, der dynamischen undatomistischen, darzustellen. In den Palingenesien (1798) wieder-holten sich gleichsam seine Jugendsatiren, ohne daß neue Eigenschaftenoder neuer Gehalt hinzukämen; in dem bevorstehenden Lebens-lauf (1799) sind die Jugendidyllen von Wuz n.s. f. in der Konjektural-biographie wieder variirt. Zwischen 1797—1802 erschien der Titan,in dem Jean Paul sein ganzes Wesen erschöpfte. Den Tendenzen, derganzen Anlage, den Charakteren, der Manier nach bringt er uns übrigensnichts Neues.' Die ganze Charaktergruppe ist von auffallenden Erinne-rungen an den Hesperus voll. Gaspard ist nur ein anderer Lord Horion,und vereint wie dieser den kalten Weltmann und Taschenspieler auf einenärrische Weise; ein willenloser Fürst ist von ihm geleitet wie dort vondem Lord; ein Minister mit einem schlechten Sohne, der den Bösewichtmacht; im Hause verdorbener Aeltern eine seltene Tochter; Liane eineGesellschaftsdame wie Klotilde; Spener gleich Emanuel; die Bösewichtergleicherweise hier und dort Silhouetteurs und Stimmennachahmer; derHof, die romantischen Liebesgeschichten, die Verkleidungen, Alles erin-nert uns und entspricht sich. Wer sich die Verschiedenheit der Behand-lungsart nicht irren läßt, kann auch leicht finden, daß ein Wetteifer mitWilhelm Meister durch diese Komposition durchspielt, dje nicht undeutlich