222 Uebersicht der schönen Prosa (Romanliteratur).
sich die schönsten Seelen nach Jean Panl'S Meinung bilden, während ersich mit dem besten Glücke hier und in den Flegeljahren an der Schil-derung schöner Seelen aus den untersten Ständen versucht hat. DieBeschreibung von Siebcnkäsens Noth, Haushalt und Schriststeller-schicksal heimelte bei der Erscheinung des Werkes die Nation an; cSwaren deutsche idyllisch Zustände, die bei uns nicht auf der Wiese, son-dern in der Studirstube spielen; zu dem Charakter des Helden saß derAutor wieder selbst, zu Lenctte seine Mutter. Aber der Dichter hat nichtFreude an solchen einfältigen Charakteren, an seiner Lenette so wenig alsan seiner Appel; diese Frauen sind ihm Schneckcnseelen, die nur seinMitleid, nicht sein Wohlgefallen ansprechcn. Wenn sich die deutscheGcmüthlichkeit an dem Bilde dieser einfachen Frau ergötzen mochte, soward sie auf's äußerste verletzt durch die absichtlichen Hiebe, die der Ehein den niedcrn Ständen versetzt werden, und durch die geniale Weise,wie hier mit Wahrheit und Eid, mit eingcgangenen Verhältnissen undmit dem, was des Menschen letztes Schicksal ist, gespielt wird. In demGemälde einer solchen engen Häuslichkeit ist die letzte romantische Wen-dung mit dem Schcintode nur eine Fratze; in der Gesellschaft einer Le-nctte ist der humoristische Held eine wehcthuende Erscheinung. Wer sichso von einer Frau trennen konnte, wie konnte der eine Frau nehmen?und solch eine Frau nehmen, wer solch einen Freund hatte? Das hu-moristische Frcundepaar hat mit Recht die meisten Leserinnen, auch diedem Dichter ergebensten, beleidigt. Denn in der That sind die humoristi-schen Charaktere, die Jean Paul mit so viel Prätension anlcgtc, fasteben so widerlich wie seine hohen Menschen, weil sie ebenso in Karrika-tnren verzerrt sind. Wenn diese nur Gemnth, und nichts als Gcmnthsind, so mangelt diesen Humoristen, deren Repräsentant bei Jean Paulsein Leibgeber-Schoppe ist, das Gemnth ganz. Sie sollen lustig undglcichmüthig sein, und sie werden egoistisch und eiskalt. Siebcnkäs bleibtin seinem Elend heiter; er sagt seiner Lenctte, wenn er auch mit 8000Löchern im Rocke gehen müsse, so wolle er doch dazu lachen und singen.Recht, meinte der Autor; aber gewiß nicht Recht von dem Manne, derein armes gedrücktes, der Scham nicht verschlossenes Weib hat, das ermit einem phantastischen Thvrcnstreich selbst um ein ärmliches Auskom-men gebracht, und der doch wohl, ehe er dies gut gemacht, lieber heulenals lachen sollte. Diese Humoristen Jean Paul's kitzeln ihre Seelen mitdem Gefühl der rücksichtslosen Freiheit, mit dem Bewußtsein, daß sie diemenschliche Thorhcit travestiren, daß sie allem Lächerlichen eine ästheti-sche Seite abgewinnen und so die Narrheit zu Weisheit stempeln. Sic