Druckschrift 
5 (1853) Mit einem vollständigen Register über alle fünf Bände
Entstehung
Seite
150
Einzelbild herunterladen
 

15 Y Uebersicht der schönen Prosa (Romanlitcratur).

tirendes Wesen bezeichnet hat) ist eben so sehr Krankheit, wie ans deranderen die Starkgeisterei und Großmannsucht. Denn das einseitigeVerweilen auf der schwarzen oder lichten Seite des menschlichen Thunsund Treibens wird, wie es auf einer einseitigen Anlage beruht, diesenur desto nachdrücklicher ausbilden. Das haben auch viele der schreiben-den Individuen bei uns auf beiden Seiten gleichsam gefühlt, und habenihm zu entgehen gesucht; es drängt sich in den Trübsinn der Genialenein Humor ein, aber seine Bitterkeit verräth, daß es nicht der gutmüthigeder Gegenseite ist; cs mischt sich in die Scherze der Humoristischen einZug der Wehmuth, allein cs ist nicht jener promctheische Geier, der dieFreude des Lebens wegfrißt, sondern es ist jene weiche Empfindsamkeit,jene Rührung znm Weinen, die eben so sehr, wie ihr Gegensatz) dieRührung zum Lachen, aus der gutartigen Ansicht von der menschlichenSchwäche und Kleinlichkeit fließt. Und in dem eigentlichen Vertreterunserer humoristischen Romane, in Jean Paul, legen sich beide Gegen-sätze, des Kraftgcnies und Originals, der Empfindsamkeit und des Hu-mors, dicht nebeneinander, ohne daß es uns Befriedigung gäbe: wirempfinden das Krankhafte nach beiden Seiten hin abwechselnd desto un-muthiger. Bis zu der Höhe, wo sich der Dichter rein über jene Zuständeerhebt, die er darstellt, wo Göthe im behaglichen Gefühle eines befriedig-ten Daseins das Bild der Unbefricdigtheit, seinen Faust, schrieb, woCervantes mitten in der Erfahrung vom Ernste des Lebens die Bilderseiner Thorheit entwarf, gelangten nur wenige Menschen, und auf derSeite der humoristischen Weltbctrachtung die wenigsten. Der Schrift-steller, der die Kleingcisterei und Kleinmeisterci verfolgt, verfällt ihr garzu leicht selbst; wer die Thorheit reizend zu schildern weiß, verliebt sichleicht in seine Aufgabe;der Genuß des höchsten Lächerlichen, sagt JeanPaul treffend, verbirgt das kleinere, das sich dann der Mann halbscherzend, halb im Ernste angcwöhnt." Oder auch umgekehrt: derSchriftsteller verfolgt die Kleinlichkeit und Thorheit, weil er ihr verfallenist; er zieht ihr die Maske des Spottes vor, und es ist daher bei denmeisten Humoristen üblich, sich selber lächerlich darzustellen. Was diesBeides sagen will, wird der verstehen, der je im gemeinen Leben daraufgeachtet hat, wie z. B. das naive Weib der Hähern Stände auf derGrenze von Bewußtsein und Naturtrieb das feinste Spiel ihrer Naivitätist, und das feinste Spiel mit ihr treibt, oder wie der Provinziale,und besonders wieder das Weib, seinen Dialekt zustutzt und so anwendet,daß man zweifelt, ob es aus Gewöhnung oder aus Humor geschieht;oder wie selbst der trockene Spaßmacher zuletzt sich der Bewußtlosigkeit