148 Uebersicht der schönen Prosa (Romanliteratur).
Historiker werden wollen. Er wird sich auf einem mittleren Standpunktehalten, wie fast alle die Männer gethan haben, die wir unter dieserRubrik versammeln werden, und bei denen nichts gewöhnlicher und zu-gleich bezeichnender ist, als daß sie theils das selbst leben, was sie dichten,theils das für Geschichte ausgeben, was sie in Romanen darstellen, unddaß sie nicht auf den Titel des Poeten, sondern wie Hermes auf den desBeobachters, oder wie Jean Paul, Hippel, Wezel und fast Alle auf dendes Biographen scherzhaft oder ernsthaft Anspruch machen. Sie sindso weit Geschichtschreiber ihrem Talente und ihrer Manier nach, als csder Pragmatiker ist, und wieder sind sie so weit Dichter, als eine Dich-tung diesen Namen verdient, die wir gar nicht anders als mit demselbenAnsdrucke, einer pragmatischen, zu charakterisircn wüßten. Denn dieseihre Dichtung entbehrt des Ideals und einer vollkommencrnWelt so sehr,wie die pragmatische Geschichtschreibung der Idee der Vorsehung undder nothwendigen Welt entbehrt. Diese Dichter betrachten die Dinge,wie jene Historiker, bloö mit dem menschlichen Witze, der daher beider-seits die beste Würze ihrer Werke bleibt; sie kennen nichts Unsichtbaresund Ungreifbares in der Menschheit; ihre Kenntniß der Natur desMenschen ist nur aus dem geselligen Umgänge entwickelt, wie jene derKraftgenies oft nur aus dem Triebe des Herzens, nur aus dem einsamenBrüten des Geistes über sich selbst; cs gibt nichts Innerliches für diese,was sich nicht äußerlich den Sinnen faßlich ausprägte. Es ist dahererklärlich genug, daß eben die Zeit, welche die ersten pragmatischen Ge-schichtschreiber in Deutschland hervorbrachtc, sich auch über der Physio-gnomik als über dem höchsten Probleme menschlicher Weisheit abguältc:die freieste Bewegung des Geistes sollte ihr körperliches Organ haben.Es ist erklärlich, daß eben diese Zeit vcrstandeömäßig die Wunder, dieunmittelbare Offenbarung, die Wirkungen des Geistes, der Gnade, desGebets aus der christlichen Religion wcglcngncte, um alle ihre Geheim-nisse menschlich erklären zu dürfen; ja, der diesen Pragmatismus am eifrig-sten bekämpfte, Lavatcr war doch selbst der eifrigste Pragmatiker, wie inseiner physiognomischen Lehre, so in seiner religiösen: er wollte dochselbst diese Wunder und Wundergaben gleichsam nur glauben unter derBedingung, daß sie noch immer sichtbar und empfindbar wirkten, erwollte seinen Gott sogar fühlen und „genießen." Was man von Seitender göthischen Genieschule an den Berlinern tadelte, war der Geist dcöPragmatismus, der sich vor dem Genie und den Gaben des Dämonskreuzigte, und der die Wirkungen der göthischen Gedichte lieber austausend Nebensachen herleitcte, als aus dieser Einen Hauptquellc: der