Periode d. Originalgcnies. — Göthe in Jtal. u. Schillcr's Jugend. 143
historisches im größeren Stile verwandelte. Hier trat die geläuterte Ge-stalt des Dichters in das ungelänterte Gedicht, das durch verschiedenePläne verschoben ward, und dadurch alle die ästhetischen Gebrechen erlitt,die so oft und mit Recht an ihm ausgestellt worden sind, die Schillerselbst nicht widerlegen wollte. Nur daß man darüber den endlichen Ge-danken des Gedichtes immer aus den Augen verlor, ärgerte ihn, undbestimmte ihn die Briefe über Don Carlos (>788) zu schreiben, woriner den Kern seines Gedichtes erst dem Publikum öffnen mußte, das fürAlles, was nach Politik schmeckte, unendlich stumpfsinnig, noch vor DonCarlos, wie vor Fieöeo, war. Was heute jeder Sckundauer aus Mar-quis Posa herausliest, war damals der Lesewelt uoch ein Räthsel, dieerst für solche Stoffe durch die Revolution empfänglich gemacht werdenmußte. Aus allen jenen Gegensätzen von Ideal und Wirklichkeit, vonNatur und Konvention, die das große Thema der weltstürmerischenPoesie der 70er und 80er Jahre waren, griff Schiller hier den gewaltig-sten heraus und stellte Weltbürgerthum gegen Kabinetsweisheit, Ver-minst und Naturrecht gegen die Beschränkungen des willkürlichen Regi-ments, die Menschheit mit ihren reinsten Anforderungen gegen den Staat,das große Gebäude, in dem sich menschliche Willkür und Naturbestim-mung so innig die Hand reichen. Mit glücklichem Griffe wählte er dazudie Zeit und im Hintergründe die Geschichte des Aufruhrs der Nieder-lande, wo diese in der Reformation erhobenen Ansprüche zuerst mit Nach-druck in die politische Welt eintrateu. Wenn Göthe den Menschen mitseiner Dichtung umfaßte, die Herstellung reiner Menschlichkeit, Recht undund Freiheit, naturgemäße Entwickelung in Anspruch nahm, so gab sichSchiller der Menschheit hin und focht für die Ausbreitung dessen, wasals naturgemäß anerkannt war, im Volke und im Staate. Daß ihm diesAbsicht und Zweck, nicht zufällige Begleitung seines Dichtungswerkeswar, dies liegt in den Briefen über Don Carlos in einer sehr merkwür-digen Stelle, worin er die Antieipation und Divination in seinem Künst-gebilde weissagend andeutet. „Vielen, sagt er, dürfte der Gegenstanddieser Tragödie zu abstrakt und ernst scheinen. Die heiligsten Wahr-heiten, die bis jetzt nur das Eigenthum der Wissenschaft waren, in daöGebiet der Kunst herüberzuziehen, und, als lebendig wirkende Motive indas Menschenherz gepflanzt, in einem kraftvollen Kampfe mit der Leiden-schaft zu zeigen, schien mir des Versuchs nicht unwerth. Hat sich derGenius der Tragödie für diese Grenzverletzung an mir gerochen, so sinddeswegen einige nicht ganz unwichtige Ideen, die hier niedergelegt sind,für — den redlichen Finder (!) nicht verloren." Dieser Gedankenstrich