142 Umst. d. konvent. Dicht, durch Verjüng, d. Naturpoesie.
eröffnet, so schien dies gerade seiner eigenen Erfahrung entnommen, dereben in ein bewußtes Leben erneuter Sittlichkeit und Vernunstthätigkeiteingehen wollte, und durch seine Dichtung deutlich den Weg zur Ge-schichte und Philosophie nahm. Schon hegt er hier den großen Begriffvon der Kunst, daß ihr die Würde der Menschheit in die Hand gegebensei, daß sie dem Weltplane diene; er heißt das Jahrhundert reifer Männ-lichkeit, froh der errungenen Geistesfülle und Bildung, nicht der erstenQuelle dieses Sieges, der Kunst, vergessen, und für die Kunst scheintdaraus die Verpflichtung zu folgen, sich diesem vorgerückten Zeitalterwürdig zur Seite zu stellen. In diesem Sinne strebte sie Schiller hinfortzu behandeln, und es schien dazu nöthig, daß er sich in Wissenschaft undLeben erst auf die Höhe der Zeit stellte; er nahm den Umweg durch Ge-schichte und Philosophie, um seine auswuchsreicke, üppige Poesie so zubeschneiden, wie es der höheren Kultur des erlesensten Theils der Nationangemessen schien.
Mitten in der Zeit dieser inneren Kämpfe begegnete Göthe auf derRückreise auS Italien Schiller'n in Rudolstadt zum ersten Male bei denFreunden, die Beiden nahe standen. Hätte er in seinem Innersten lesenkönnen, so würde er schon damals gefunden haben, daß bei der großenVerschiedenheit ihrer Naturen dennoch Schiller auf einer Stelle der Ent-wickelung stand, die, wie wir merkten, von der seinigen nicht so weit ab-lag. Auch Schiller wollte diese Berührung der Epochen nicht finden,beschied sich aber, aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher schließenzu wollen. So mieden sie sich lange. Die älteren Werke Schiller's, dienoch im ersten Preise standen, mußten Göthe'n eine unübersteiglicheKluftzwischen ihnen zu bilden scheinen. Der neuere Don Carlos (1787)schien nicht geeignet, den Bruch zu heilen; das Stück stellte sich, selbstabgesehen von der Benrtheilung des Egmont (1788), diesem göthischenWerke dem Stoffe nach so nahe, und war dem Geiste und der Behand-lung nach so unendlich verschieden! Es war in der Gestalt, in der esdamals erschien, der alten Periode noch verwandter, während es demEntwurf nach die neue Zeit verkündigte, in der Schiller's edler Sinnaus der Verhüllung heraustrat. Der Gang seiner eigenen inneren Ver-änderungen bildete sich in der Geschichte dieses Dramas ab. Zuerst wardie trostlose Leidenschaft des Prinzen, die zerrütteten Verhältnisse derFamilie, der Druck des Despoten das Hauptaugenmerk, Verhältnisse,die Schiller mehr, nach Art unserer Naturdichter und Göthe'ö, aus eige-nen Erfahrungen zu schildern vermochte. Es war aus ein Familienstückabgesehen, das sich plötzlich, als Posa in den Vorgrund trat, in ein