Periode d. Originalgenies. — Gvthe i» Ztal. n. Lchillcr's Jugend. 85
wollte nun zum Frischen, Gesunden und Natürlichen das Schöne^), erwar jetzt ganz der Verbindung von Natur und Ideal, von Geschmackund Genie, von Kraft und Mäßigung bedürftig; in der Beschreibungerkannte er forthin den Meister, und nur das Gesetz, sang er, kann unsFreiheit geben. Und, wie er oben direkt andeutete, nicht blos in ästheti-scher Beziehung, auch für die allgemeine Lebensansicht war ihm das Neu-gewonnene bedeutend. Er fand bei den Alten jenes Maß, jene verbun-den wirkende Willkür und Ordnung, Gesetz und Freiheit, wie in derDichtung, so im Leben; nachdenkend über die Metamorphose der Pflan-zen und Thiere, fand er dasselbe weit umgreifend in den Gesetzen derNatur; er stellte dies als den höchsten Gedanken der Natur hin, den derMensch Nachdenken könne ^). Und so entdeckte er in immer größer» Tie-fen, wie er dem Geiste des Alterthnms nahe stehe; betrachten wir es,um uns ernst daran zu bilden, sagt er, so gewinnen wir die Empfindung,als ob wir erst eigentlich zu Menschen würden". Wie cs im Alterthumwar, so liebte er das lebendige Dasein, nicht die Worte, die Darstellungalles Lebens und Thuns nicht zu leeren Spekulationen, sondern wiederzur Anregung von Thun und Leben. Er lebte in der Anschauung, undseine Lieblingskunst wäre bei günstigem Verhältnisse, wie bei den Grie-chen, die Plastik geworden. Er fühlte sich, wie das Alterthum der ächte-sten Zeit, ganz entfremdet aller müßigen Philosophie, die ihm vongewissen Seiten eine Art Hypochondrie und Geisteskrankheit schien, ganzentfremdet allem vcrkünstelten Lurus des Geistes. Ganz unversöhnt blieber, als ob er in Griechenland gelebt hätte, mit aller geschichtlichen Welt,
37) Neberall trinkt man guten Wein,jedes Gefäß genügt dem Zecher;doch soll es mit Wonne getrunken sein,so wünsch' ich mir künstliche griechische Becher.
28) Z, gll,
Dieser schöne Begriff von Macht und Schranken, von Willkürund Gesetz, von Freiheit und Maß, von beweglicher Ordnung,Vorzug und Mangel, erfreue dich hoch: die heilige Musebringt harmonisch ihn dir, mit sanftem Zwange belehrend.Keinen höher» Begriff erringt der sittliche Denker,keinen der thätige Mann, der dichtende Künstler; der Herrscher,der verdient es zu sein, erfreut nur durch ihn sich der Krone.Freu dich, höchstes Geschöpf der Natur, du fühlest dich fähig,ihr den höchsten Gedanken, zu dem sie schaffend sich aufschwang,nachzudenken.