86 Nmst. d. konvent. Dicht, durch Verjüng, d. Naturpoefle. z
die diesem im Rücken lag: mit dem Römerthum, mit dem Christenthum,mit dem unbefriedigten Zeitalter der Romantik, mit der Reformationund Revolution. Im ganzen Umfang hat er seine Ansicht des Alterthumsin der Einleitung zu Winckelmann's Leben niedcrgclegt. Der Mensch, i
sagt er dort, vermag Manches durch zweckmäßigen Gebrauch einzelner ^
Kräfte, Außerordentliches durch Verbindung mehrerer Fähigkeiten, das ^
Einzige und Unerwartete durch Vereinigung sämmtlicher Eigenschaften. j
Das Letztere ist das glückliche Loos der Griechen, auf das Andere sind I
wir Neueren angewiesen. In den Alten wirkte die gesunde Natur als z
Ganzes, in der Welt, als einem Ganzen, in harmonischem Behagen; ;
sie schweiften nicht ins Unendliche, waren hierher gesetzt, hierhin berufen, s
gaben hier ihrer Thätigkcit Raum. Ihre Schriftsteller sind die Bewun- i
derung des Einsichtigen, die Verzweiflung des Nacheifernden, weil jene 1
handelnden Personen, die aufgeführt werden, an ihrem eigenen Selbst, !
an dem engen Kreise ihres Vaterlandes, an der bezeichneten Bahn des ?
eigenen und bürgerlichen Lebens einen so tiefen Antheil nahmen, mit :
aller Neigung und Kraft ans die Gegenwart wirkten, daher eS einem j
gleichgesinnten Darsteller nicht schwer fallen konnte, eine solche Gegen- ^
wart zu verewigen. Das, was geschah, hatte für sie den einzigen Werth, s
so wie für uns nur dasjenige, was gedacht oder empfunden wird, einigen z
Werth zu gewinnen scheint. Nach einerlei Art lebten Dichter, Historiker, j
Naturforscher. Alle hielten sich am Nächsten, Wahren, Wirklichen fest. ^
Das Menschliche war am werthesten geachtet, alle seine inneren Verhält- l
nisse zur Welt mit so großem Sinne angcschaut als dargestellt. Gefühl j
und Betrachtung war nicht zerstückelt, jene kaum heilbare Trennung war j
noch nicht in der gesunden Menschenkraft vorgegangen. — Wenn Göthe s
zu dieser reinen Betrachtung des Alterthums schon in früherer Jugend j
hätte gelangen können, so würde dies seiner ganzen Bildung eine andere s
Wendung gegeben haben. Jetzt war ihm das Moderne schon zum Be- H
dürfniß, das Alterthum erst ein später Besitz geworden, über den er nicht j
einmal ganz Herr werden konnte; und wie wir gewöhnlich thun, daß l
wir das, was uns geläufig ist, verachten, das , was wir nicht haben, s
uns nachdrücklicher beilegen, und das, was wir nicht ganz erreichen zu 1
können glauben, auch Anderen als unerreichbar darstellen, so verachtete 1
Göthe weiterhin das Neue allzu sehr, fand die nordischen Elemente allzu j
unerquicklich, versündigte sich an der christlichen und modernen Kunst 4
und an seiner vaterländischen Sprache, die er den schlechtesten, kraftver- Z
derbcnden Stoff nannte, und auf der andern Seite hob er schadenfroh ^
das Altcrthum zu grell über uns empor, und cntmuthigte, indem er l