Druckschrift 
5 (1853) Mit einem vollständigen Register über alle fünf Bände
Entstehung
Seite
80
Einzelbild herunterladen
 

80

Umst. d. konvent. Dicht, durch Verjüng, d. Naturpoefle.

kühnsten Aussichten verfolgte, werden noch durch seine anatomischenStudien an Begeisterung und Feuer übertroffen. Sie bieten uns denUebergang zu seinen Studien in der plastischen Kunst; von ihr aus kamer auf jene, von ihnen wieder ging er mit neuen Aufschlüssen zu dieserzurück, und überall sieht man, wie das Eine Aussuchen der idealenGestalt in der wirklichen, die Absicht der Natur in ihrem unvollkommenenWerke das leitende Princip seiner Thätigkeit ist. Nun hat mich, schreibter, das A und O aller Dinge, die menschliche Figur angefaßt; dasStudium des menschlichen Körpers hat mich ganz, alles Andere schwindetdagegen, das Interesse an der Menschengestalt hebt jedes andere auf, sieist das non >,I8 ulti-a alles menschlichen Wissens und Thuns. Mit diesenneuen Kenntnissen bereichert, fühlte er sich in der Natur nicht allein,sondern auch in der Antike Manches im Großen zu sehen, was demKünstler entgeht; jetzt erst begriff er das Höchste, was uns vom Alter-thum übrig blieb, die Statuen. Hier ging ihm das Verhältniß vonKunst znr Natur klar und lauter auf. Er sah die geliebte Göttin, dieNarur, nun selbst als eine Künstlerin an, die nach geheimen Absichtenund Ideen im Stoffe wirkt und hinter ihren Intentionen zurückblcibt;und wieder war ihm das Schöne eine Erscheinung dieser Naturideen,die Kunst die würdigste Auslegerin jener Geheimnisse, die die Natur denKundigen deutbar genug entgegenbringt. Hierüber ist die klassische Stelleim Leben Winckelmann's. Das letzte Produkt der sich immer steigerndenNatur, heißt eS dort, ist der schöne Mensch. Zwar kann sie ihn nur seltenHervorbringen, weil ihren Ideen gar viele Bedingungen widerstreben,und selbst ihrer Macht ist es unmöglich, lange im Vollkommenen zu ver-weilen und dem hervorgebrachten Schönen eine Dauer zu geben. Denngenau genommen kann man sagen, es sei nur ein Augenblick, in dem derschöne Mensch schön ist. Dagegen aber tritt nun die Kunst ein. DerMensch, auf den Gipfel der Natur gestellt, sieht sich wieder als eine ganzeNatur an, die in sich wieder einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazusteigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugendendurchdringt, und sich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt. Stehtes hervorgebracht in seiner idealen Wirklichkeit vor der Welt, so bringtes eine dauernde, höchste Wirkung hervor. Denn indem es aus dengesummten Kräften sich erhebt, nimmt es alles Herrliche auf, erhebt,indem es die wesentliche Gestalt beseelt, den Menschen über sich selbst.Von so großen Gefühlen wurden die Beschauer des olympischen Zeusgerührt, der Gott war zum Menschen geworden, um den Menschen zumGott zu erheben.