Periode d. Originalgenies. — Klopft. Schule. (Die Göttinger.) 33
den meisten Anstrengungen ansgebessert, und sein lessing'sches Geständ-nis!, er sühle nicht die lebendige Quelle der Dichtung in sich, kannvollends jeden Gläubigen an das unmittelbare Genie irren. Daher kames denn auch, daß Bürger'n selbst die scharfe und höchst schlagende Beur-theilnng Schiller'ö irrte, daß er zwar in seiner Erwiderung bei seinemniederländischen Standpunkte bcharrte, allein die Idealität doch ins Augefaßte, die ihm Schiller entgegenhielt; daß er vom Stoffartigen auf dasformale Verdienst überging; daß ihm die Korrektheit, zu der er immerneigte, bald höher zu stehen schien als die Popularität; daß er ans dieglatte Eleganz der Italiener übersprang, und nun nicht allein Blumauersein Lieblingsjüngcr ward, sondern auch A. W. Schlegel; daß er dasSonett anbaute, welches er früher mit der höheren Lyrik verabschiedet undohne Zweifel selbst in der Reihe der Anagramme und Akrostichen gesehenhatte; daß er über Reim und Vers zu philosophiren anfing und einMnstcrstück kleinlicher Kritik in seiner Sclbstbeurtheilung der Nacht-feier schrieb, die er einmal formell so vollenden wollte, daß sie fürprosodische Richtigkeit, für Wohlklang und Harmonie der deutschenSprache das werden sollte, was der Kanon des Polyklet für die Bild-nerei gewesen. So erscheint denn Bürger als ein pathologischer undkritischer Dichter zugleich, als Natur- und Kunstpoet, als Volks-undMinnesänger, wie sein Landsmann Gleim, aus nordischer und südlicherSchule zugleich, beherrscht von Empfindungen und von Ueberlegungen;die Naturwahrheiten seiner Gemälde scheinen uns nachlässig mit grobemGriffel hingeworfcn, und sind, in der Nähe betrachtet, wie so viele nie-derländische Bilder, mit dem feinsten Pinsel ausgemalt. Das Ungleicheder Behandlung, der Streit von Kunst und Natur, von Allgemeinheitund Besonderheit, von Begabtheit und leichtfertiger Benutzung des Ta-lentes, von Poesicglanz und Plattheit fiel Schiller'n in unserem Volks-sänger auf, der an Homer cmporsah und die Frau Schnips besang, derunter das höchste Maß der Kunst gehalten zu werden verdiente und sichselbst so oft herabwürdigte, der eine Volksthümlichkeit in jenem höchstenSinne anstrebte, nach dem er mit der Größe seiner Kunst die Kluft zwi-schen den gebildeten Ständen und dem Volke auszufüllen hoffte, unddabei sich mit dem Volke vermischte, zu dem er sich herablassen sollte.Auch Göthe hat gleich hart mit ein paar Worten über Bürger's Platt-heit sich erklärt; ihn hätte schon der parodistische Sinn geärgert, „derdas Große und Edle herabzieht, und ein Symptom abgibt, daß die Na-tion, die daran Freude hat, auf dem Wege ist, sich zu verschlechtern".Zene ächte Volksthümlichkeit, die Bürger empfahl, die Bürger selber
Gerv. d. Dicht. V. Bd. 3