32 Umst. d. konvent. Dicht, durch Verjüng, d. Naturpocfle.
Blättern, und ewig Schade, daß in diesem Augenblicke, wo Bürger sichganz in seinem Elemente fühlte, nicht Herder's reine, geschmackvolle Samm-lung schon erscheinen konnte, die ihm mehr gewesen wäre, als alle ästheti-schen Aufsätze. Die erste Frucht seiner gesteigerten Stimmung war dieLenore, die berühmteste der Balladen, die Bürgerin berühmt gemachthaben, eben der Gattung, wo er am kühnsten, am übermüthigsten, ammeisten dem blinden Zuge des Genius überlassen und jener shakespeare'-schen Natur und Urkraft nahe zu kommen scheint. Kein neuerer Dichterhat in diesem Zweige so anschaulich gemacht wie Er, daß die Balladedie Anfänge der dramatischen Kunst gleichsam in sich schließt^) und indem Wechsel der verschiedensten Leidenschaften und Regungen ihren Ge-setzen folgt, so daß auch zum Vortragen nichts so gerne gewählt wirdwie bürger'sche Balladen. Keiner hat in diesem kleinen Raume so sehrdie Quintessenz einer Handlung, den Fünftelsast, wie Bürger sagt, soznsammengepreßt, daß ein größeres Dichtungswerk damit geistig zubeleben war. Keiner hat darin jene alten romantischen Gegenstände mitsolcher burlesker Keckheit geschmeidig für ein mittleres Publikum gemacht,ohne sie zu zerstören, oder die dürftigen Handlungen der Gegenwart injener Weise zu heben gesucht, wie neuere Künstler unsere widerstrebendenTrachten unten den Meisel zwangen. Sieht man aber Bürger's Ver-fahren näher zu, so finden wir in der Entstehungsgeschichte der Lenoream stärksten jenes Zwiespältige in seinen Gaben und seinem Verfahrenvorliegen. Er begann das Gedicht in einem inneren Jubel, arbeitete aberMonate lang daran; Götz von Berlichingen kam anregend hinzu undbegeisterte ihn — zu drei neuen Strophen; er fühlte sich in übermüthigerUeberlegenheit als den Kondor des Hains, und doch nahm er die Ver-besserungen des Bundes an, unwillig, daß sie oft Recht hatten; er er-staunte über sich, aber eben so oft über den göttingcr Bund, wenn ihmBote aus seinem Dörfchen die neuesten Werke desselben vorlas, und erwollte wohl zu Zeiten darüber verzweifeln. So hatte er mit Herder vomersten Wurf gesprochen, als er sich von Ramler und Bote seine Gedichteausbessern ließ. Er soll es selbst geäußert haben, daß er seinen Dichter-rnhm nicht ungemeinen Talenten, sondern der unverdrossenen Feile undseinem zarten Geschmack zu danken habe; seine besten Gedichte seien mit
12) Etwas Aehnliches scheint Göthe gefühlt zu haben, als er sagte, an einer Aus-wahl Balladen ließe sich die ganze Poetik Vorträgen, „weil hier die Elemente noch nichtgetrennt, sonder» wie in einem lebendigen Urei zusammen find, das nur bebrütet werdendarf, um als herrlichstes Phänomen in die Lüfte zu steigen."