Periode d. Originalgenies. — Klopft. Schule. (Die Göttinger.) 27
Werk geworden sein, während nun der Ruhm der neueren Kritik aufHerder und aufLessing ruhen blieb, dessen Laokoon (wie man indemAbend zur Poetik sieht) wesentlich auf die ästhetischen Theorien Klop-stock's Einfluß geübt hatte"). Klopstock fühlte seine Stellung damalswohl: die Zueignung seines Hermann an den Kaiser und die Gelehrten-republik zeigten dies; sie zeigten aber auch, daß er nicht der Mann war,seinen Einfluß zu behaupten. Er hatte damals mit dem Bunde selbstgroße Dinge vor; er wollte die Gerftenberg, Schimborn, Göthe, Rese-witz u. A. darin versammeln, mit Gesammtkraft sollte eine Wirksamkeitbeginnen, bei der die Vertilgung des verzärtelten Geschmacks, die Ver-theidigung der Würde der Poesie gegen andre Wissenschaften, der Sturzder Götzenbilder des Pöbels, und des Schemels der Ausrufer nur Neben-absichten sein sollten! Er mit dem Bunde, der Bund mit ihm schien sichnichts unmöglich zu glauben. Allein diese großen Aussichten zerrannenwie ein Traum. Wie man in Wieland's Schule die Schicksale des Mei-sters an dem Gang der Schüler wiedererkennt, so auch hier. Auf die an-fängliche Anspannung und Begeisterung folgte plötzliche Erlahmung undKälte. Man ging im ersten Rausche ganz in die himmelstürmerischenIdeen der Zeit ein, man wollte sich an die Spitze der Dinge stellen, aberplötzlich waren die jungen Titanen zerstreut, gestorben, verdorben, undAlles dahin. Wie ganz anders artete Bürger, als es die Gesinnungendes Bundes wollten; wie ganz anders Stolberg, der die Religion derVäter verließ; wie ganz anders Miller, der anfangs am schnellsten zumZiel zu lausen schien und dann plötzlich stockte. Nur Voß hielt die erstenGesinnungen fest, er scheuchte den Gedanken, daß Jugendverblendungund Dünkel ihnen den Anhauch ihrer schönen Begeisterung gesandt habe;
S) Seine Theorie ging früher ganz von der Erfindung aus : jetzt heißt es: einGedicht ohne Handlung und Leidenschaft sei ein Leib ohne Seele! Um daslyrische Gedicht, seine Stärke, in diesen Grundsatz einzupaffen, sagte er, es genüge die-sem die Leidenschaft allein, doch schließe es die Handlung nicht aus, da mit der Leiden-schaft beginnende Handlung verbunden sei. Auch andere Sätze über Darstellung, Be-schreibung, Unterschied von Malerei und Dichtung zeigen die lessing'schen Ideen. Dieletzten und feinsten Linien zur Charakteristrung klopstock'scher Dichtung und Dichtungs-ansicht aber zieht folgender Satz : „Ist die Reizbarkeit der Empfindung etwas größerals die Lebhaftigkeit der Einbildungskraft, und ist die Schärfe des Urtheils größer alsbeide, so find dies vielleicht die Verhältnisse, durch welche das poetische Genie entsteht".Bei Göthe würde dies lauten: Ist die Lebhaftigkeit der Einbildungskraft etwas größerals die Reizbarkeit der Empfindung, und ist die Schärfe des Allgemeingefühis größerals beide, so u. s. w.