26 Umst. d. konvent. Dicht, durch Verjüng, d. Naturpoesie.
Volkssage, die bis heute dauert, gerade diesen Klopstockiancru, den Ver-fechtern der Tugend, den schmutzigsten Wetteifer in unzüchtigen GesängenSchuld gibt, dessen angebliche Früchte noch in Kasernen und Wachstubenumlaufen sollen! Klopstock ward ihnen mehr und mehr heilig als Welt-mann, Gesellschafter, Philosoph, Christ, Deutscher und Dichter; sieschickten ihm ihre Gedichte und er einem Jeden durch Stolberg einen Kußzurück; sie feierten seine Geburtstage; 1773 auf der Stube: da standsein Stuhl ledig, seine Werke waren bekränzt, unter dem Stuhl lagWieland's JdriS zerrissen, und mit den Blättern wurden die Pfeifen an-gezündet; im Rheinwein ward Klopstock's, Luther's, Hermaun's, desBundes, Ebert's, Göthe's, Herder's Gesundheit getrunken; zuletzt Wie-land's Bild und Jdris verbrannt. 1774 war dies Fest im Freien. Wirgingen zur Bundeseiche, schrieb Hahn, um Zweige zu brechen; wirriefen dabei dreimal unfern Vater Klopstock: und plötzlich rauschte eshoch durch die Eiche herunter, daß die niederschwankenden Aeste unsereHäupter verhüllten! Klopstock, der in der Gelehrtenrcpublik auf dieseJünglinge anspielte, hätte von dem Bunde aus eine ungeheure Wirksam-keit haben können, wenn er sich nicht in eben diesem Buche und in seinenspäteren Dichtungen Deutschland ganz entfremdet hätte. Man muß nurscheu, wie eiugesenkt sein ganzes Wesen in diesem Bunde war und mas-senweise wieder ausschlug, wieseine getheilten Richtungen aufs Patrio-tische, aufs Antike und aufs Christliche in großen Gruppen hier wiederauftauchten! Man muß nur überschlagen, wie außer jener Jugend auchdie um Göthe her nur zu Klopstock schwur, und wie sie die Gelehrtcn-republik als ein Gesetz für ihre Natnrästhetik ansah. Allein dies Buchwar nur für eine kleine Oligarchie geschrieben: wäre es eben so verständ-lich und plan gewesen, so würde es, so ganz im rechten Augenblicke(1774) gekommen, das Feuer, das gerade in allen jungen Köpfen zün-dete, ungeheuer vermehrt und verbreitet haben. Dieses Werk stellte sichwie ein Banner der republikanischen Freiheit unserer Literatur aus gegenallen Druck des Königthums und der Hierarchie, gegen alle französischenDiktaturen und mäeenatischen Joche, gegen den Druck der blinden Ver-ehrung der Alten, gegen „das Regulbuch" der Aesthetiker, gegen alleKritik, die nicht aus Natur, Erfahrung und Seelenkunde ruht. Wäredas Buch nicht von Grillen und aufangenden Alterschwächen, durchwunderliche Formen und Formeln entstellt und verdunkelt, und wäre derSinn faßlich, klar, durch Beispiele und Geschichte verständlich, durchSatire und Tadel lebendig gemacht, so würde es für die späte Literar-geschichte eine Fundgrube, für die damalige Kritik ein epochemachendes