16 Umst. d. konvent. Dicht, durch Verjüng, d. Naturpoesie.
im Ardinghello. Held und Heldin sind wieder solche fceifittige Charaktere,die über die angeborenen Verhältnisse gern hinaus möchten, sie findensich aber hier ganz umnotivirt sein praktisch in die Dinge, und meisternihre genialische Leidenschaft, wie auch in der Fiormona, einem spätenNachklang von Werther, ein solcher Seelenheroismus in Aussicht ge-nommen wird. Wenn schon dies das Harmonielose in dem Künstler unddemKunstwerke bezeichnet, so noch vielmehr das Verhältnis! der Charakterezu den Lagen, in die er sie bringt. Hildegard ist eine seiner vollkom-menen Lieblinge, sie sollte ein Musterbild der Keuschheit sein, sie heißtbald Pallas, bald Diana, bald Venus; wie stimmt es nun hiermit,daß sie fast nur in ihrer Schönheit anfgeführt wird, um mit bräutlichenHandgriffen beschmutzt zu werden? wie paßt es zu dem zarten Formsinn,daß sich jene nackten Badesccnen in ekle Spei- und Würgsccnen verwan-deln, daß also die grobkomischen Darstellungen der niederländischenGenrebilder hier auss widerlichste unter Gestalten im heroischen Stilder Antike spielen? daß die moderne Lüsternheit und der gemeinsteSinnenkitzel unö begegnet, wo man uns auf die Unschuld und Naivetätalter Sitten spannt, und umgekehrt, daß, wo wir die sinnliche Glut imWertster wieder zu finden vermuthen, uns seelenkalte Marmorbildcr ab-schrecken? Denn vergleiche man nur, wozu Heinse anfangs neigte, undwas er endlich leistete, so sieht man den ungeheuren Abstand zwischenseinem eigentlichen Talente an sich, und dem Feuer, das die aufgeregteZeit der 70er Jahre hinzugab. Damals trug er sich, schien es, mit derAufgabe, die Göthe einmal in den Frankfurter Anzeigen stellte: er wollte,schrieb er, eine Lydia auskundschaften, und von ihrer Grausamkeit, Liebe,Treulosigkeit, Wiederliebe und Wiederuntreue so lyrische, elegische, stür-mische und zärtliche Gesänge singen, daß alles Herz entzückt, zerrissen,und wieder zusammengeschmolzen werde, und wieder zerfließen, und inStrahlen- und Feuergüssen durch alles Wesen blitzen und strömen solle;Alles wollte er in Feuer und Brand stecken, und keine moralische Spritzesolle löschen können. Und nun, in der Hildegard von Hohenthal, erhaltenwir nicht etwa eine Ausführung dieses Entwurfes, sondern für einenandern Dichtern eine andre Aufgabe, das Heinse's Ideale von Philo-sophie und Poesie in sich schließt. „Das Glück des Lebens, sagt er, be-steht in Abwechselung. Die Veränderungen, welche die Poesie und alles Ge-schriebene gewährt, sind die schwächsten; dann kommt der Strahl des Lichts,die bildenden Künste für das Auge; stärker wirkt dieLuft durch Musik aufdas Ohr; körperlicher die Blumen und Blüten des Frühlings auf denGeruch; stärker Getränk und Speise auf Zunge und Gaumen u. s. w.