10 Umst. d. konvent. Dicht, durch Verjüng, d. Nalurpocsie.
Geliert die Grabschrift: Iusi5ti «atis, temjins nbire tibi est. Nichtgenug, daß sic seine Poesie angriffcn, sie verdächtigten auch seine Moral.Er preise die Temperaments - und Erzichungstugend, deren Schwächebekannt sei. Die Folgen seien, daß jeder Geck von gutem Herzen undsanften Empfindungen rede, daß es als der Gipfel menschlicher Tugendangesehen werde, eine mitleidige Thräne zu weinen. Alles sei nun vollvon diesen wimmernden Seelen, diesen zärtlichen Freunden, diesen herz-brechend verliebten Mädchen. Bei dieser Tugend laufe Alles ans Wortehinaus, nicht auf Rath und Thal; wenn das Vaterland Beschützerbrauche, so werde man Gellert'S Schule nicht aufbicten; der Staat seiunglücklich, der lauter GellertS enthielte, tausendmal glücklicher mit lau-ter Catonen. Geliert bilde die Menschen zu einem hohen Grade vonweibischer Kleingeisterei; und gegen diese gerade lehnen sich diese männl-ichen Starkgeister auf. Voll bitterer Satire ans das ganze deutsche Wesensind daher ihre Bemerkungen da, wo sie die guten Seiten der Liebesdich-tcr hervorheben. Schon bei Geliert machen sie in gutem Ernste die treff-liche Bemerkung, daß seine Moral die wohlthätigen Folgen gehabt, dieZahl der rohen barbarischen Menschen zu schmälern, die vorher die deut-sche Nation den gesitteten Nachbarn fürchterlich gemacht. Sarkastischeraber werden sic bei den erotischen Dichtern, die uns nur Menschen vonwollüstiger Gesinnung bildeten, fühlbare Seelen, die den lieben Gotteinen guten Mann sein lassen, keinem Menschen Leids thnn, ihrem Näch-sten helfen, so gut cs ohne Unbequemlichkeit angeht, die sich übrigens dieZeit so wohl vertreiben, wie sie können. Die Dichter, die diese Gefühlerege machten, stifteten heutzutage größern Nutzen, als die, welche Grund-sätze lehren und feste, strenge Charaktere bilden. Sie machten die Men-schen schwach, aber gut, begierig nach Vergnügen, ungeneigt nach Großemzu trachten. Bei unseren Rcgierungsformen aber brauche man nothwen-digcr gute, als starke Seelen. Was diese letzteren nur für Wenige inhöherem Grade thnn , thnn jene für Viele in geringerem; was jene kaltans Pflichtgefühl, das thnn diese warm aus Instinkt und gutem Herzen.Große Thaten lassen sich jetzt nicht mehr thnn, bei unseren Gesinnun-gen müssen lauter kleine Seelen sein; was sie weich und schwach macht,macht sic auch gut, und wären solche kleine Seelen ehrgeizig, so würdensie boshaft und tückisch. Dennoch will der Kritiker, der diesen Briefschreibt (Mauvillon), seine Freunde nicht ans diesen Schwachen wählen;eine Gesellschaft starker Menschen scheint ihm doch besser; und am bestendie Klasse von Menschen, die aus Grundsätzen und Empfindungen zugleichhandeln, und die für starke und weiche Poesie gleich empfänglich sind.