Periode der Originalgenies. — Wicland's Schule. !)
Menschen nichts als Thränen lehre; sie bedauerten, daß Meinhard nicht20 Jahre früher aufgestanden wäre und so vielleicht den englischen Ge-schmack von uns abgehalten hätte. Ihr Abgott unter den Dichtern warAriosi. Aus diesem italienischen Standpunkte sind jene Briefe sämmt-lich geschrieben, und sie sind um so rücksichtsloser, als die beiden Ver-fasser die entschiedensten Starkgcister waren. Sie verwarfen aufs be-stimmteste allen moralischen Maßstab bei Beurtheilung eines Dichter-werkes; die Dichtung soll nur belustigen, indem sie unsere Ideen er-weitert, unsere Leidenschaften erregt, unsere Gefühle nährt, unfern Ge-schmack bildet. Alle Lehrdichter und sogar den Satiriker lassen sie nichtals Poeten gelten, wie Horaz: uegue si guis soeibst u>i »05 senmonipropiora, puw 8 Kuno 0886 poM.am. Sie neigen sich schon zu dem phan-tasicvolleren Glauben der Südländer von ästhetischer Seite, da sie reli-giöserscits gleichgültig und sogar Erzfeinde des Christenthums waren:sie wollten, daß Denis geistliche Lieder schreibe, da die protestantischenLchrbegriffe für den Dichter nicht die günstigsten seien; und Unzer selbstversuchte sich andergleichen. „Erschrecken Sie nicht, schrieb er darüber anMauvillon, es geht Alles mit natürlichen Dingen zu: der Geist der Sal-bung , der auf mir ruht, ist nur e in kleines Geschöps der Einbil-dungskraft". Unter den deutschen Dichtern räumen sie in ihrer bitternKritik ganz in dem Sinne des neuen Geschlechtes auf: außer Klopstock,Wieland, Ramler, Geßner, Gleim erkennen sie Niemanden an, nichteinmal Lessing. An zwei Hauptpunkten lernt man ihre starkgeistigenAnsichten am schärfsten kennen, an ihrem Urtheil über Geliert und dieerotischen Dichter. Das erste ist so scharf, daß es selbst Göthe'n undGleim eine Lästerung schien, und nicht allein den Landpastorentöchtern,oder den leipziger Kunstrichtern, deren engherzige Moral zu verspottenauch Heiuse sein Jngendwcrk so pikant anlegte. Geliert ist ihnen eindurchaus mittelmäßiger Schriftsteller ohne einen Funken von Genie;wie alle Stümper habe er sich in allen Gattungen gleich stark gefühlt undgetrost geschrieben. Mit lächerlicher steifer Affektation strebe er nach Witzund Artigkeit, seine Briefe seien Muster von Abgeschmacktheit, seine Lust-spiele unter aller Kritik, seine Fabeln gereimtes Geschwätz, seine Erzäh-lungen keine Puffbohne Werth. In Leipzig habe er als der unfehlbarstePabst des Parnasses gegolten, allein Obersachsen sei eben die Provinz,die am reichsten an schwachen Seelen, am ärmsten an freidenkenden Kö-pfen sei; die Empfindung des Kleinen und Weichlichen sei da zu Hause,hier würden Rabener und Geliert am längsten angebetct werden; sieaber freuen sich, diese Abgötter der Nation zu stürzen, und setzen