842 Viertes Hauptstiick. Von den Mitteln zur Vollkommenheit, und zwar von den nächsten zwei.
„Wenn der Mensch sich selbst erniedrigt, so kommt er über-all leicht durch, er kann überall aufrecht stehen; wenn eraber sich selbst erhöht, so stoßt er überall an." — Siehealso, m. Chr.! demüthigen mußt du dich, du mußt dichbücken und klein machen, wenn du auf dem schmalenWeg der Vollkommenheit wandeln und einst durch die engePforte in das Himmelreich eingehen willst. Du mußt esmachen, wie der heilige Erzbischof und Märtyrer Thomas,dessen Fest auf den heutigen Tag fällt, und der sich aufErden stets erniedrigte, um einst im Himmel erhöht zuwerden.
Legende: Der heilige Thomas, Erzbischofund Märtyrer (ch 1l70).
Dieser Heilige stammte aus einer sehr ansehnlichenFamilie in London und zeichnete sich durch seine erha-benen Tugenden, besonders aber durch Dcmnth so sehrans, daß er auf den erzbischöflichen Stuhl zu Canter-bury oder Kantelberg erhoben wurde. Da er mitMnth und Eifer die Rechte seiner Kirche vertheidigte,sv- wurde er von seinen Feinden verfolgt, und mußtedeßhalb, um ihrer Rache zu entgehen, die Flucht er-greifen. Allein nach seiner Rückkehr wurde er, als ereben der Vesper beiwohnte, an den Stufen des Altarsermordet am 29. Dezember 1170, im dreinndfünfzigstenJahre seines Alters.
Gebet. O Gott, für dessen Kirche der heiligeThomas sein Leben hingegeben hat, gib, daß Alle,die sich um seine Fürsprache an ihn wenden, die Ge-währung ihrer Bitte erlangen und ihm auf dem Wege
der Demnth und Vollkommenheit folgen, durch Christum,unfern Herrn. Amen.
DreilMdertlliemndsechzigstes Lesestück.
Am Feierabende des 30. Dezember.
Von den Mitteln zur Vollkommenheit, nnd zwar von dennächsten zwei.
Fr. Welches ist das dritte Mittel zur Voll-kommenheit?
Antw. Standhafte Selbstverläugnung und Selbst-überwindung.
Belehrung. Wenn wir in der Tugend und Voll-kommenheit fortschreiten wollen, so müssen wir uns be-ständig selbstverläugnen und überwinden, d. h.wir müssen unsere Leidenschaften, die unserm Herzen inne-wohnenden bösen Neigungen beherrschen und dem WillenGottes unterwerfen; wir müssen uns Manches versagen,was uns lieb und angenehm ist, und uns auch in erlaubtenDingen Abbruch thun, damit wir von unerlaubten uns umso leichter enthalten. Dieß verlangt der göttliche Heilandselbst von uns, indem er sagt: „Will Jemand mir Nach-folgen, so verläugne er sich selbst, nehme sein Kreuz ans .sich und folge mir nach!" (Matth. 16, 24.) Und der hei-lige Papst Leo schreibt: „Das Leben des vollkommenen undheiligen Christen gleicht dem Kreuze Christi; denn durch dieNägel der Selbstverläugnung kreuzigt er die Begierden desFleisches und tödtet sie; nnd wie der Krystall glänzt durchseine Härte, so der vollkommene Christ durch Abtödtung undSelbstverläugnung." Daß aber die Abtödtung zur Voll-kommenheit nothwcndig sei, leuchtet wohl von selbst ein;denn wenn der Mensch seine bösen Neigungen und Leiden-schaften nicht in sich beherrscht und unterdrückt, so wird erselbst von ihnen beherrscht, er wird ihr Sklave; und wiekann ein Solcher je wahrhaft tugendhaft oder vollkommenwerden? Abtödtung und Selbstverläugnung sind und bleibendaher ein vorzügliches Mittel zur Vollkommenheit.
Beispiele und Anwendung. Dieses zeigt Cor-nelius a Lapide in folgendem Beispiele. Als der heiligePatriarch Jakob, sagt er, nach Mesopotamien zog und vonder Nacht auf freiem Felde überrascht wurde, nahm ereinen Stein unter seinen Kopf und legte sich nieder; undin dieser Lage wurde er einer himmlischen Erscheinung ge-würdigt. Wollen wir Blicke thun in des Himmels Herr-lichkeit, wollen wir auf Erden vollkommen und einst imHimmel selig werden, so müssen wir uns auch etwas Hartes