830 Viertes Hauptstück. Vom letzten der drei evangelischen Räthe und von der Vollkommenheit im weltlichen Stande.
Fr. Sind zur Beobachtung dieser evangelischenRäthe alle Menschen verpflichtet?
Antw. Keineswegs; hiezu können nicht alle Men-schen verpflichtet werden; es gilt hier der Ausspruch desgöttlichen Heilandes: „Nicht Alle fassen dieses Wort,sondern nur Die, denen es gegeben ist." (Match.l9, 1l.) Zur Beobachtung derselben sind jedoch dieOrdenspersonen und alle Diejenigen ver-pflichtet, welche sich durch ein Gelübde dazuverbunden haben. — Wer indeß den Muth nichthat, die evangelischen Räthe zu befolgen, Der darf sie,wie schon oben gesagt, auch nicht verachten; vielmehrmuß inan dieselben wegen ihrer Vortrefflichkeit hoch-schätzen und an Jenen bewundern, die sie befolgen.
Fr. Kann man auch im weltlichen Standeein vollkommenes Leben führen?
Antw. Ganz gewiß, wenn man nicht nach dem Geisteder Welt, sondern nach dem Geiste Jesu Christi lebt.
Belehrung und Beispiel. Zur Erreichung derVollkommenheit ist cs eben nicht nothwendig, daß man in'sKloster gehe u. s. w.; man kann auch im weltlichenStande vollkommen werden dadurch, daß man nichtnach dem Geiste der Welt, sondern nach demGeiste Jesu Christi lebt. Daher schreibt der heiligeJakobus (4, 4.): „Wer ein Freund dieser Welt sein will,der wird ein Feind Gottes," und der heilige Johannes<1. 2, 15 —16.): „Wenn Jemand die Welt lieb hat, soist nicht die Liebe des Vaters in ihm. Denn Alles, wasin der Welt ist, das ist Begierlichkeit des Fleisches, Begier-lichkeit der Augen und Hoffart des Lebens." — Wenn wiralso in der Welt leben, so sollen wir nicht mit der Weltleben. Wer kann wohl Diejenigen zählen, die schon voll-kommen und selig geworden sind, obschou sie in der Weltlebten; sie lebten nämlich zwar in der Welt, aber nur fürGott und den Himmel. — Ein Mädchen, das in einemKloster erzogen wurde, wünschte schnlichst, eine Klosterfrau zuwerden. Es offenbarte sein großes Verlangen den Eltern,die aber nicht einwilligten, sondern das Mädchen zwangen,in das väterliche Haus zurückzukehrcn. Der Tochter Frömmig-keit war aber eine dauerhafte; daher sprach sie: „Ich werdein der Welt eine Nonne sein, bis ich im Kloster sein kann."(Sieh das vorausgehende Bild!) Sic verrichtete nun alleHebungen der Gott geweihten Personen. Ein gewisser Zeit-raum wurde in der Früh und am Abend zur Arbeit ver-
wendet, eine Zeit war für die Betrachtung bestimmt, dieandere zur Abbetung des göttlichen Offiziums, zur geistlichenLesung, zum Besuche des heiligen Sakraments u. s. f. Dadie Mutter sah, daß sich ihre Tochter in ihrer Absicht nurnoch mehr befestige, statt sich zu verändern, so schrieb sicihr von nun an täglich so viele Dinge vor und beschäftigtesie so sehr, daß sie keine Zeit zu ihren Uebungen mehr habensollte. Die Tochter that Alles, was ihr die Mutter vor-geschricben, und war ihr gehorsam, wie Gott dem Herrnselbst; sie bildete sich aber in ihrem Herzen ein Bethaus,wo sie stets im Gebete war, selbst wenn sie die zerstreuendstenBeschäftigungen verrichten mußte. Dadurch machte sie dieglänzendsten Fortschritte in der Tugend und Vollkommenheit,so daß sie heilig lebte und selig starb. — So kannst auch du,m. Christ! mitten in der Welt heilig und vollkommen, undeinst selig werden. — Betrachte nur die beiden Heiligen,deren Andenken wir heute feiern!
Legende: Die heiligen Jungfrauen Tharsillaund Aemiliana.
Auch diese beiden Jungfrauen, die dem heiligenGregor dem Großen sehr nahe verwandt waren,lebten in der Welt und gelaugten doch zur Vollkommen-heit. Schon von Jugend an führten sie in ihrem elter-lichen Hause ein einsames und stilles Leben; „nur nochmit dem Körper waren sie auf dieser Erde," sagt derheilige Gregor von ihnen; „ihr Geist war fast immerin Betrachtung des Ewigen vertieft." Durch dieses ihrzurückgezogenes Leben und durch Selbstbeherrschungschwangen sie sich zu einer hohen Stufe der christlichen