Am Feierabende des 22. Dezember.
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Jüngling (Matth. 19, 21): „Willst du vollkommensein, ... so folge mir nach!" Und der heil. Isidorruft uns zu: „Willst du zur Vollkommenheit gelangen, sofolge der Spur Christi unaufhörlich, sowie die Jäger derSpur des Wildes folgen!" „Die Maler müssen oft denGegenstand ansehen, den sie abzeichnen wollen," sagt derheilige Basilius; „also muß auch Derjenige, der vollkom-men werden will, öfters Hinblicken auf das Leben Jesu undseiner Heiligen." — Boleslaus IV., König von Polen,hatte ein goldenes Bild seines Vaters am Halse hängen,und bevor er Etwas unternahm, pflegte er es zu küssen undzu sagen: „Es sei ferne von mir, mein Vater, daß ich Et-was thue, was deines Namens unwürdig wäre!" — Wiebald würden wir zur Vollkommenheit gelangen, wenn wirauf gleiche Weise das Bild unsers göttlichen Heilandes (siehdas obige Bild!) bei all unserm Thun und Lassen stets vorAugen haben und sprechen würden: „Ferne sei es von mir,o mein Jesus! daß ich je Etwas denke oder thue, was dei-ner unwürdig wäre!"
Fr. Welche besondere Mittel hat Christus zurErlangung der Vollkommenheit angerathen?
Antw. Vorzüglich diejenigen, welche wir die evan-gelischen Räthe nennen.
Fr. Welches sind die evangelischen Räthe?
Antw. Folgende drei: 1) die freiwillige Armuth,2) die stete Keuschheit und 3) der vollkommene Gehor-sam unter einem geistlichen Obern.
Mehlsr, Hausbuch.
Belehrung. Diese drei besonder« Mittel zur Voll-kommenheit heißen 1) Räthe, weil sie nicht befohlen, sondernnur angerathen werden; sie heißen 2) evangelisch,weil sie im Evangelium anempsohlen werden. — DieBeobachtung dieser evangelischen Räthe hat in den AugenGottes einen um so höheren Werth, als hiebei nicht Zwang,wie beim Gesetze, sondern der freie Wille des Menschenim Spiele ist. „ Größern Lohn," schreibt der heilige Hiero-nymus, „hat Das, wozu man nicht gezwungen wird,sondern was man freiwillig thut." Von dieser lleberzcugunggetragen, haben viele frommen Seelen die evangelischenRäthe erwählt, um in der höheren Vollkommenheit Fort-schritte zu machen. Auf solche Weise entstanden die Klösterund Ordensstände in der katholischen Kirche, die von jehereine hohe Zierde, fruchtbare Pflanzstätten apostolischer Männerund Zufluchtsorte der stillen, anspruchslosen christlichen Tugend^waren. Ihrer Vortrefflichkeit wegen darf man daher dieevangelischen Räthe nie verachten, obschon man nicht Muthhat, sie zu befolgen; man muß sie vielmehr hoch schätzenund an Jenen bewundern, die sic befolgen. „Es gibtDinge," sagt der heilige Franz von Sales, „die nichtAllen anstehen und nicht für alle Umstände passen; und dochkönnen sie an sich selbst gut sein. Wenn dir vom Gerüchedes Balsams der Kopf wehe thut, so wirst du darum nichtsagen, daß dieser Geruch nicht gut sei. Wenn ein kostbarerRing nicht an deine Finger paßt, so wirst du ihn darumnicht in den Koth Wersen."
Beispiel und Anwendung. Es ist in Wahrheiteine große Gnade, wenn ein Mensch gewürdigt wird, Gottdem Herrn dieses dreifache Opfer der freiwilligen Ar-muth, der steten Keuschheit und des vollkom-menen Gehorsams bringen zu können. — Einst er-schien der göttliche Heiland gar hold und freundlich demheiligen Ordensstifter Franziskus und verlangte von ihmein dreifaches Opfer. „Ach, Herr!" entgegnete der Hei-lige, „du weißt es ja, daß ich deiner göttlichen MajestätAlles aufgeopfert habe und ganz dein bin; daß ich für michNichts mehr besitze, als dieses Kleid und diesen Gürtel, unddieß ist auch dein! Was könnte ich dir denn noch geben?O daß ich noch ein Herz und noch eine Seele hätte, die ichdir aufopfern könnte! O gib mir, Herr, daß ich dir wieder-geben und deinen Willen thun kann!" — Der Herrantwortete und sprach: „Franziskus! greif in des KleidesBusen, und was du findest, das gib mir!" — Der heiligeMann thut nach des Herrn Geheiß, ergreift einen wunder-schönen Goldpfennig, dergleichen er nie gesehen, und reichetdem Herrn ihn dar. Dieß thut er, weil's der Herr be-fiehlt, zum andern und zum dritten Male und gibt denFund dem Herrn. Dieser aber belehrte ihn nun, daß er
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