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Am Feierabende des 18. Dezember.
gibt Gott seine Gnade, dem Hoffärtigcu widersteht er."Daher ruft uns der göttliche Heiland zu: „Wenn ihr nichtwerdet (d. h. so klein und demüthig) wie die Kinder, sowerdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen." (Matth. 18, 3.)Und der heilige Ambrosius schreibt: „Wer zur Höhe derGottheit zu gelangen wünscht, der steige in die Diesen derDemuth herab." Noch nachdrücklicher spricht der heiligeBernhard die Nothwendigkeit der Demuth zur Erlangungder ewigen Seligkeit aus, indem er schreibt: „Die Demuthist nothwendig, nicht nur um Tugenden zu erlangen, sondernauch um selig zu werden. Denn Christus sprach: Die Pfortedes Himmels ist enge; und nur die Kleinen, nämlich dieDemüthigen, können durch dieselbe eingehen."
Beispiel und Anwendung. Vom heiligen SimeonStylites erzählt Theodorct, er habe einst Gott um Er-leuchtung angerufeu, damit er den Weg der Frömmigkeiterkenne. In der folgenden Nacht träumte er, als sei erbeschäftigt, ein Fundament zu graben. Eine Stimme befahlihm: „Grabe tiefer!" Er that es; doch als er meinte, essei nun genug, wollte er ruhen. Da ermahnte ihn dieStimme auf's Neue; und so wiederholte es sich mehrmals,bis er die Worte vernahm: „Jetzt ist es tief genug. Willstdu aber nun das Gebäude der Tugend und Vollkommenheitaufführen und vollenden, so mußt du arbeiten ohne Nnter-j laß." Siehe, mein Christ! Dieses gilt auch uns. Wenn! wir das Gebäude der Tugend und Vollkommenheit in unsaufführen wollen, so müssen wir vor Allein einen tiefenGrund legen, wir müssen immer tiefer graben, d. h. unsimmer mehr erniedrigen und demüthigen; denn die Demuthist die Grundlage aller Tugenden, und vergebens werden wirohne sie das Tugendgebäude in unserm Herzen aufzuführenuns bemühen, lasset uns daher vor allen Tugenden dieDemuth lieben!
Fr. Was ist die dem Geize entgegengesetzteTugend der Freigebigkeit?
Antw. Sie ist die Bereitwilligkeit, mit seinem^ Vermögen den Hilfsbedürftigen beiznstehen oder zu andern^ löblichen Zwecken beizntragen. (Sieh das vorausgehende! Bild!)
Belehrung. Der heilige Augustin bezeichnet dieseTugend als eine Bereitwilligkeit, sein Vermögen frei hin-zugeben (daher Freigebigkeit) — ohne Hoffnung aufWiedervcrgeltung, bloß aus Liebe zu Gott und dem Nächsten.Wie die Freigebigkeit beschaffen sein muß, das zeigt unsder heilige Ambrosius in den Worten: „Bei der Frei-gebigkeit wird nicht gefragt, wie viel, sondern mit welchemGemüthe gegeben wird; denn jene Freigebigkeit ist nicht dievollkommene, wenn du mehr aus Ruhmsucht, als aus Barm-
Mehler, Hausbuch.
Herzigkeit gibst." Und den Lohn dieser Tugend schildertuns der heilige Chrysostomus, indem er schreibt: „Jenergöttliche Segen, den mau sich durch die Freigebigkeit erwirbt,ist ein sehr ergiebiges Gut, und man kann seinen Erben keinreicheres und glückseligeres hinterlassen." Der göttliche Heiland selbst spricht dieß in den wenigen Worten aus: „Gebet,so wird euch gegeben werden." (Luk. 6, 38.)
Beispiele und Anwendung. Diese Tugend derFreigebigkeit besaß der weise Salomon. Er errichtetedem Herrn einen Tempel, und schmückte denselben mit allerPracht und Herrlichkeit aus; er sparte dabei keine Kostenund keine Mühe. (3. Kön. 5.) — Auch Tobias waräußerst freigebig. „Täglich ging er," wie es in der heiligenSchrift heißt (Tob. 1, 19—20.), „zu allen seinen Ver-wandten und tröstete sie und theilte einem Jeden von seinemVermögen mit, wie er konnte: er speiste die Hungrigen undgab den Nackenden Kleider und verschaffte sorgfältig Begräb-niß den Todten und Erschlagenen." — Nicht minder zeichne-ten sich auch die ersten Christen durch Freigebigkeit aus.Von ihnen heißt es (Apgsch. 2, 45.): „Habe und Güterverkauften sie und vertheilten sie unter Alle, je nachdem einJeder bedürftig war." — Diese schöne Tugend der Frei-gebigkeit sollen auch wir Alle gerne üben. Sei überzeugt,m. chr. Leser! daß Derjenige, der gerne aus Liebe zu Gottgibt, von Gott auch wieder Viel empfange; daß aber ausDem Gottes Segen nicht ruht, der von der FreigebigkeitNichts wissen will. Dieß wird die nachfolgende Geschichtedeutlicher beweisen. Ein Gärtner, der mühsam mit seinerHände Arbeit sich nährte, hatte lange Zeit die schöne Ge-wohnheit, das Wenige, was er sich erübrigte, mit den Armenzu theilen. Auf einmal aber kam er in's ängstliche Sorgenhinein. „Wie wird es mir doch ergehen," sprach er in derAngst seines Herzens, „wenn ich alt oder krank werde, undkeinen Nothpfennig zurückgelegt habe?" — Da zog er seineHände ab von den Armen und that, was er nur erübrigenkonnte, in einen Beutel zusammen. Nachdem dieser endlichvoll geworden, und der Gärtner genugsam für sein Altergesorgt zu haben glaubte, verletzte er sich unversehens miteiner Hacke am Fuße, und die Wunde wurde trotz aller an-gewandten Mühen und Kosten alle Tage schlimmer, so daßder Arzt erklärte, der Kranke müsse sterben, wenn er sichnicht den Fuß abnehmen laste. Wie ein Donnerschlag trafdieser Ausspruch den armen Gärtner, und zwar um so mehr,weil er bereits den letzten Thaler aus seinem Beutel hattehervorlangen müssen. Gänzliche Verarmung und Verstümmel-ung war also sein Loos. In der Nacht vor dem Tage,wo die Abnahme des Fußes vor sich gehen sollte, dachte derschlaflose Kranke nach, wie thöricht er gehandelt, daß er somißtrauisch auf Gottes Vorsehung geworden und seine Handgänzlich von den Armen abgezogen; nun habe offenbar auchGott seine Hand von ihm abgezogen. „Wo ist nun meinGeld, das ich so ängstlich aufgespart? Ich habe nun Nichtsmehr davon, und auch die Armen haben Nichts! Hätte ich
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