816 Viertes Hauptstiick. Von den sieben Tilgenden, die den sieben Hanptsiinden entgegengesetzt sind re.
Dreihundertzweiundfünszigstes Lesestürk.
Am Feierabende des 18 . Dezember.
Von den sieben Tugenden, die den sieben Hanptsiinden ent-gegengesetzt sind, und zwar I) von der Demuth und 2) von derFreigebigkeit.
Fr. Welche Tugenden sind den Hanptsiinden ent-gegengesetzt?
Antw. Folgende sieben: I) Die Demuth, 2) dieFreigebigkeit, 3) die Keuschheit, 4) die wohlwollendeLiebe, 5) die Mäßigkeit im Essen und Trinken, 6) dieSanftmuth und 7) der Eifer im Guten. In drei Lese-stücken wollen wir diese Tugenden näher auseinandersetzen.
Fr. Worin besteht die der Hoffart entgegen-gesetzte Tugend der Demuth?
Antw. Sie besteht darin, daß wir in Anerkennungunserer Schwäche und Sündhaftigkeit alles Gute Gottzuschreiben, uns selbst aber für gering achten.
Belehrung und Beispiele. Dcmüthig ist alsoDerjenige, der seine Schwäche erkennt nnd in Anbetrachtseiner Sündhaftigkeit sich selbst erniedrigt und verachtet,alles Gute aber Gott dem Herrn zuschreibt, sich Nichts.Daher sagt der heilige Augustinus: „Die Demuth istdie Liebe Gottes bis zur Verachtung unser selbst." DieseTugend der Demuth besaß im höchsten Grade die seligsteJungfrau Maria. Denn als sie von der heiligen Elisabethdie Gebenedeite unter den Weibern genannt wurde, so bezogsie schnell dieses Lob auf Gott, indem sie ausrief: „MeineSeele lobpreiset den Herrn und mein Geist frohlocket in Gott,meinem Netter. Gnädig blickte er herab auf die Niedrigkeitseiner Magd." (Luk. 1, 47.) — Der heilige Paulusschreibt voll Demuth an die Corinther (I. 15, 9—10.): „Ichbin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht würdigbin, Apostel zu heißen, weil ich die Kirche GottcS verfolgthabe. Aber durch die Gnade Gottes bin ich, wasich bin." — Ebenso dcmüthig war auch der heilige Petrus.Als er den Lahmgebornen geheilt hatte, und alles Volk sichdarüber wunderte, sprach er: „Warum wundert ihr euchhierüber? oder warum sehet ihr uns so an, als hätten wiraus eigener Kraft diesem zum Gehen geholfen? — Gotthat ihm die vollkommene Gesundheit gegeben." (Apgsch. 3.)— Durch wahre christliche Demuth zeichnete sich auch Otto,ein Urenkel deö Grafen Babv von Abensbcrg, aus. Dieserwar zwar ei» Mann von allen Tugenden; daher stiftete er
das Kloster Walderbach; allein unter allen seinen Tugendenglänzte besonders die Demuth hervor, von welcher ihnauch der Avd nicht scheiden konnte. Denn kurz vor seineniEnde befahl er, man solle ihn unter die Kirchthüre zuSt. Emmeram in RegenSburg begraben, weil er sich un-würdig schätzte, unter so vielen Heiligen zu liegen, würdigaber, daß ihn Alle mit Füssen treten sollen. Eine hölzerneTafel an der Wand mit dem Bildnisse desselben enthälteine einfache Inschrift, die das so eben Erzählte bestätiget.— Wenn nun so hochgestellte und fromme Personen sich vorGott demüthigten, wie viel Ursache haben alsdann nicht wirhiezu, die wir voll Schwäche und Sündhaftigkeit sind!
Fr. Warum sollen wir besonders diese Tugendder Demuth fleißig üben?
Antw. Weil sie die Grundlage aller Tugendenist, nnd weil wir ohne sie weder zur Vollkommenheitnoch zur Seligkeit gelangen können.
Belehrung. Die Demuth bildet die Grundlagealler Tugenden; sie ist jeder Tugend Das, was einemGebäude der Grund, einem Baume die Wurzel ist. „DieDemuth," sagt der heilige Thomas von Billanova, „ist
die Mutter vieler Tugenden; denn sie gebiert den Gehorsam,die Furcht Gottes, die Geduld, die Sittsamkeit und denFrieden;" ja, noch mehr, ohne Demuth gelangen wir wederzur Vollkommenheit, noch zur Seligkeit; denn nur „wer sicherniedrigt, Der wird erhöhet werden," sagt der göttlicheHeiland selbst (Matth. 18, 3.) und nur „dem Demüthigen