810 Viertes Hauptstück. Von den drei göttlichen oder theologischen Tugenden.
Mißtrauen, indem man entweder gar nicht oder nichtvertrauensdoll hofft, was wir von Gott hoffen sollen; Ii) Ver-messenheit und falsches Vertrauen, indem manimmer ohne Scheu sortsündigt oder seine Buße bis zum Todeverschiebt, weil Gott barmherzig ist, oder indem man sich zusehr auf seine eigenen Kräfte verläßt, sich muthwillig ineine Gefahr begibt in der Erwartung, daß uns Gott sicherretten werde. Endlich müssen wir verabscheuen auch allesDas, was 3) der Liebe entgegen ist, als: jede Todsünde,dann aber auch jede Lauigkeit, jede Gleichgiltigkeit und Ab-neigung gegen Gott, jeden Unwillen gegen seine weisen Füg-ungen u. s. f.
Fr. Wann sollen wir die drei göttlichen Tugen-den erwecken?
Antw. Oesters im Leben, besonders aber inschweren Versuchungen gegen diese Tugenden, dann beimEmpfange der heiligen Sakramente und ganz vorzüglichin Lebensgefahr und auf dem Todbette. Dieß kann amEinfachsten und Besten geschehen in der schon bekanntenWeise und Gebetformel: „O mein Gott! ich glaubefestiglich Alles rc."
Beispiel und Anwendung. Besonders eifrig inErweckung der drei göttlichen Tugenden war jene junge,schöne und geistreiche Jungfrau Bouawentura, derenLcbensänderung ein Triumph der geistlichen Uebungen war,und die nach ihrer Bekehrung als ein Muster der Tugendund Frömmigkeit in dem herrlichen, von der heiligen Fran-ziska Roma na gestifteten Frauenkloster in Rom lebteund starb. Ganz besonders feierlich aber erweckte sie diesedrei göttlichen Tugenden kurz vor ihrem Tode beim Empfangder heiligen Sterbsakramente. Sie lag da auf ihremSterbebette ruhig und heiter, ergeben und vollkommen bereit,und anstatt den Tod zu fürchten, sehnte sie sich, Gottes un-endliche Schönheit und sein göttliches Angesicht zu schauenund zum Besitze seiner ewigen Liebe zu gelangen. Alsman ihr die heilige Wegzehrung brachte, da zeigte sich dieFrucht ihrer Todesbereitung. Sie zog ein Blatt hervorund wünschte, daß cs in Gegenwart des hochgebenedcitenSakramentes gelesen werde. Es lautete, wie folgt: „Oallerliebster Jesu! weil ich, Maria Bonaventura, deine un-würdigste Dienerin, nun alsobald vor deiner göttlichenMajestät zu erscheinen habe, so bekenne und bezeuge ichhiemit, daß ich Alles wahrhaft und »«bezweifeltglaube, was du, mein Heiland, und deine heilige Kirchevon mir fordert. Für diesen heiligen Glauben erbiete ichmich, mein Leben und mein Blut hinzugeben. Ferner hoffeich auf deine unendliche Barmherzigkeit, aufdein allerkostbarstcs Blut und deine unermeß-lichen Verdienste; ich hoffe, durch die mächtigste Für-
bitte Mariä, deiner und meiner allerheiligsten Mutter, dasewige Leben trotz meiner sündigen Unwürdigkeit zu erlangen,und zwar nicht so sehr, um die Seligkeit zu genießen, alsum dich ewig lieben und dir dienen zu können.— Ich verfluche und verwünsche aus innigstem Herzen allemeine schweren Sünden, wodurch ich Unglückliche dich, meinhöchstes Gut und meinen liebwerthesten Herrn und Gott, sosehr beleidigt habe. Ich schwöre dir, daß ich eher allePeinen, ja die Hölle selbst erdulden wollte, als deine Maje-stät noch einmal zu beleidigen. Ich liebe dich überAlles von ganzem Herzen, aus ganzer Seele,ans allen Kräften. O daß ich die Herzen allerMenschen, die LiebeSflamme aller Engel und Seraphe hätte,um dich würdig lieben zu können! Jeder Athemzug soll einAkt der Liebe, ein Flug der Liebe sein. Ich fordere alleGeschöpfe in deinem Namen auf, dir sür alle Gnaden zudanken, die du mir, der Allerunwürdigsten, erwiesen hast,dich mit mir zu loben und zu preisen in Ewigkeit." -—Sie empfing dann den Leib des Herrn, dankte noch einmalsür jenen Tag und jene glückliche Stunde, wo der heiligeGeist sie bewegt hatte, die geistlichen Excrcitien zu machen,übergab ihrer liebsten Schwester als Andenken das theureExcrcitien-Büchlein, legte die Hände in der Form desKreuzes auf die Brust, heftete die Augen gegen Himmel,und mit den Worten: „Jesus und Maria rein! wollet meineGefährten sein!" verschied sie sanft und fröhlich im Kussedes Herrn. — Erkenne hieraus, in. Ehr.! wie ruhig undselig Diejenigen sterben, welche die göttlichen Tugenden recht oftim Leben und besonders auch noch auf dem Todbette erwecken!
Legende: Die heilige Dienstmagd Christian«(ch im 4. Jhrdt.).
Glaube, Hoffnung und Liebe waren auch die dreivorzüglichsten Tugenden, mit denen die heilige Dienst-