Am Feierabende des 12. Dezember. Pst3
j jeder Mensch. Uns Allen ruft deßhalb Gott der Herr
! durch den Mund seines Propheten (Ezech. 3, 18.) zu:
, „Wenn du es dem Gottlosen nicht verkündigest, daß er vonseinen bösen Wegen sich bekehre, so wird derselbe Gottlosein seiner Missethat sterben; aber sein Blut will ich vondeiner Hand fordern."
Beispiele und Anwendung. Schon im A. B.
. wurde diese Sünde von vielen Priestern und Königen Israelsbegangen, die zu den Sünden und Lastern des Volkes Israelstillschwiegen, ja, sich selbst mit im Pfuhle der Gottlosigkeitwälzten. Aber auch im N. B. kommt diese Sünde garhäufig vor. Wie Viele gleichen da jenem stummen Begleiterdes berühmten Rousseau! Dieser erging sich einst, wie^ er selbst erzählt, in einem schattigen Gehölze; zum Begleiter! und Gefährten aber hatte er einen Mann, der sich häufig
! an ihn drängte, um durch seinen Umgang einigen Glanz
zu gewinnen. Rousseau pflückte von einem Strauche diesaftigen und einladend aussehenden Früchte, und da er sie^ schmackhaft fand, so aß er davon eine nicht geringe Menge.Der Begleiter sah stillschweigend zu; erst als das Mahl zuEnde war, sprach er: „Sie werden ja wohl wissen, daßdiese Früchte giftig sind?" — „Um deS Himmels willen,"rief ganz bestürzt der Andere, „warum haben Sie mir dasnicht früher gesagt?" Der Begleiter, dem vor Allem dieHöflichkeit am Herzen lag, erwiederte: „Ich habe es nichtgewagt, mir eine solche Freiheit herauszunehmen." — WieViele gleichen diesem Begleiter, indem sie aus Mensch en-furcht zu den Sünden Anderer stillschweigen und ganzruhig Zusehen, wie sie die giftigen Beeren und Früchte voml Baume der Sünde pflücken und nach Herzenslust genießen!1 Was werden sie einst dem ewigen Richter antworten, wenner an sie die Frage stellen wird: „Warum hast du deineUntergebenen, deine Freunde re. ungehindert die giftigenFrüchte der Sünde pflücken und genießen lassen?" Werdensie etwa antworten: „Wir haben es nicht gewagt, uns einesolche Freiheit herauszunehmen?" — Wahrlich, alle diese! werden einst am Tage des Gerichtes ausrufen müssen:„Wehe mir, weil ich geschwiegen habe!" (Jsai. 6, 5.)
Fr. Was heißt: „An den Sünden AndererTheil nehmen?"
Antw. Es heißt: Gemeinschaft machen mit schlech-ten Leuten, welche ungerechtes Gut an sich ziehen odergezogen haben, und zu allerlei Sünden und LasternMitwirken.
Belehrung und Beispiele. Dieser Sünde machensich schuldig Jene, die Dieben und Räubern Unterschlufgeben und beim Diebstahle Hehler machen; Wirthsleute,die Trunkenbolde, Spiel- und Tanzgesellschaften dulden;Hausleute, die schlechten Leuten, Spielern rc. Unterkunftin ihrem Hause gewähren u. s. f. „Wer mit einem Diebe
Theil hat, der hasset seine Seele," heißt es in den Sprüchw.(29, 24.) — Diese Sünde begingen die Einwohner vonSich ein, die dem Abimelech das Geld verstreckten, daser nöthig hatte, um die Mörder seiner Brüder dingen zukönuen, durch deren Ermordung er allein König wurde.(Nicht. 9, 4—57.) Ferner Jene, die mit Absalon gegendessen Vater sich empörten. (2. Kön. 18, 7.) SündhafterTheilnahme ward auch König Balthasar schuldig, der dievon seinem Vater geraubten heiligen Gefäße behielt unddeßhalb schwer von Gott bestraft wurde. (Dan. 5.) Ganzbesonders häufig aber begehen diese Sünde die sogenanntenHehler, welche an der Sünde der Diebe theilnchmen unddaher ganz billig auch mit ihnen gestraft werden. — Alsman einst in eine kleine Stadt Nordtprols eine Diebsbandecinführte, befand sich darunter auch ein altes Weib. Siewar Eigenthümerin eines kleinen, einsam gelegenen, eineStunde von der Stadt entfernten Hänschens, und alle Stadt-bewohner, die die Alte gut kannten, staunten nicht wenig,auch diese unter den Ungezogenen Dieben zu treffen. Alleingerade in ihren, Häuschen hatten die Gerichtsdiener dieDiebsbande gefangen genommen, und eben sie, wie sich ausden Verhören ergab, war die eifrigste Helferin der Diebegewesen, hatte die gestohlenen Sachen in Verwahrung ge-nommen, dieselben im Kleinen verkauft, und von dem Erlöseihre nicht geringen Procente genommen. Die Diebe nanntensie immer nur ihre „gute Mutter" und erhielten dafürvon ihr den Titel der „fleißigen Kinder." Aber die„gute Mutter" mußte ungeachtet aller Entschuldigung,daß sie selbst nie Etwas gestohlen, mit ihren „fleißigenKindern" in's Zuchthaus wandern, wo sie nach einem halbenJahre schon starb. — Auf solche Weise straft Gott oft dieTheilnahme au den Sünden Anderer.
Legende: Die heilige Jungfrau und Aebtiss inOthilia (st 720).
Ganz anders handelte die heilige Othilia, die amheutigen Tage in der Kirche besonders verehrt wird;denn"statt zur Sünde Anderer mitznwirken oder daranTheil zu nehmen, suchte sie dieselbe vielmehr auf allemögliche Weise zu verhindern und leuchtete Allen durchTugend und Frömmigkeit auf dem Wege des Heilesvoran. Othilia, aus einer herzoglichen Familie inElsaß i. I. 662 blind geboren, war deßhalb dem Vaterso verhaßt, daß er sogleich befahl, sie aus der Welt zuschaffen. Die fromme Mutter aber ließ das schuldloseKind zu einer verwandten Vorsteherin eines Klosters inBurgund bringen, wo es getauft und erzogen werdensollte. Und sieh, sobald es getauft war, erhielt es mit
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