Vieris. Von oier himmelschreienden Sünden.
Jerusalem, nicht achtend auf Christi Warnungen undThränen, in ihrer Unbußfertigkeit, bis endlich Gottes furcht-bare Strafen über sie hereinbrachcn. Ach, wie unglücklichsind doch alle jene Sünder, die von Buße und Besserung desGebens Nichts hören und Nichts wissen wollen! Als einst derrömische Feldherr Marcellus die Stadt Syrakus einge-nommen hatte, befahl er seinen Soldaten, alle Einwohnerzu tödten, und nur den in allen Künsten erfahrenen Archi-medes zu verschonen. Die Soldaten fanden in einem Garteneinen Greis, der sich damit beschäftigte, allerlei Figuren zuzeichnen. Dieser Greis war Archimedes, welcher so sehrin seine Arbeit vertieft war, daß er von Allem Nichts wußte,was um ihn her vorgegaugen. Auch von den Soldaten undihrem Geschrei nahm er keine Kenntniß. Diese halten ihnfür wahnsinnig und tödten ihn. — Du, o unbußfertigerSünder, bist ein solcher Archimedes! Du hast Augen undsiehst nicht; du hast Ohren und hörest nicht. Zu wieder-holten Malen ist dir die Häßlichkeit und Strafbarkeit derSünde geschildert worden; gar oft hast du die schrecklichenDrohworte des erzürnten und gerechten Gottes gegen dieSünder vernommen; indessen du fährst fort in deinen Sünden,als wenn du Nichts gehört hättest, und es keinen Gott undkeine Hölle gäbe. Wie? wenn Plötzlich ein tödtlicher Streichauch dich träfe? Ach, dann würde cs heißen: „Nehmet ihnund bindet ihm Hände und Füße und werfet ihn hinaus indie äußerste Finsterniß, wo Heulen und Zähneknirschen seinwird!" Darum bitte ich dich, m. chr. Leser! kehre um, undzwar heute noch, auf daß der Abgrund der Hölle dich nichtverschlinge! Heute noch öffne dein Herz der göttlichen Gnadeund folge dem erhabenen Beispiele, welches uns der heiligeBischof und Märtyrer Eusebius gegeben hat, dessen An-denken wir heute feiern, und der stets so bereitwillig der gött-lichen Stimme Gehör gab.
Legende: Der heilige Bischof und MärtyrerEusebius (f 370).
Dieser Heilige war der Sprößliug einer edlenFamilie Sardiniens und wurde wegen seiner vortreff-lichen Eigenschaften und Tugenden zum Bischöfe vonVercelli in Savoyen erhoben. Nach dem Zeugnisse desheiligen Ambrosius war er der Erste im Abendlande,welcher den weltgeistlichen mit dem ordensgeistlicheuStande vereinigte. Er schloß sich nämlich mit dem ihmuntergebenen Klerus in ein Haus ein, wo Alle gemein-schaftlich in Gebet und Abtövtung nach Art der Mönchelebten. Auf solche Weise entstand der Orden der regu-lirten Chorherren, aus welchem heilige Bischöfe undPriester hervorgingen. Der heilige EusebiuS nahmsich mit besonderm Eifer des von den Arianern verfolgtenheiligen Athanasius an; deßhalb wurde auch er selbstvon diesen Irrlehren: auf alle mögliche Weise gehaßtund mißhandelt, und vom Kaiser Constantius nach Scy-thopolis in Palästina verbannt, wo er oft Tage langohne Speise und Trank schmachten und überhaupt sehrVieles leiden mußte. Nach dem Tode dieses Kaisers
kehrte er jedoch wieder in seine Diöcese zurück und starbdaselbst i. I. 370 eines heiligen Todes. Wegen derschweren Drangsale, die feinen Lebenslauf bezeichnen,wird er billig den Märtyrern beigezählt.
Gebet. O Gott, der du dem heiligen EusebiusMuth und Kraft verliehen hast, den christlichen Glaubenstandhaft zu bekennen, stärke auch uns, damit wir treunach unserm heiligen Glauben leben und unsere Herzennie deiner göttlichen Stimme verschließen, durch Christum,unfern Herrn. Amen.
Dreihundertliiernndvierzigstes Lesestiick.
Am Feierabende des 10. Dezember.
Von den vier himmelschreienden Sünden.
Fr. Welche Sünden gehören ferner noch zu denschwersten und abscheulichsten?
Ankw. Die vier himmelschreienden Sün-den, welche deßhalb so genannt werden, weil sie durchihre entsetzliche Bosheit gleichsam um Rache zum Himmelschreien und die göttliche Gerechtigkeit zur Strafe auf-fordern. Sie heißen: 1) Der vorsätzliche Todschlag,2) die sodomitische oder stumme Sünde, 3) die Unter-drückung der Armen, Wittwen und Waisen und 4) dieVorenthaltung oder Entziehung des Liedlohns.