782
Viertes Hauptstück. Von der läßlichen Sünde und ihren Folgen.
gegnct? seine Befehle, seine Wünsche wenig beachtest? Heißtdas nicht undankbar sein und den Wohlthäter beleidigen?Siehe, so handelt ein Jeder, der freiwillig eine läßlicheSünde begeht, gegen Gott, seinen größten Freund undWohlthäter. Daher verabscheuten auch alle frommen Christenjede freiwillige läßliche Sünde.
Beispiele und Anwendung. Maria Theresia,Gemahlin Ludwigs XIV., hatte ein sehr zartes Gewissen,Da sie in einen Fehler gefallen war, den sic sich oft mitBitterkeit vorwarf, so wollte man sie trösten mit der Bemerk-ung, daß cs nur eine läßliche Sünde sei. „Was liegtdaran," sagte sie, „Gott ist beleidiget, und das ist fürmein Herz eine tödtliche Wunde." — Der berühmte Ein-siedler Makarius von Aegypten hatte einst in seiner Jugendmit andern Kindern Jemanden Feigen entwendet und nurEine davon gegessen. Doch alsbald erkannte er, was esheiße, Gott auch nur mit der geringsten Sündezu beleidigen; er bereute seinen kindlichen Fehler so sehr,daß er ihn Zeitlebens beweinte. — So sehr verabscheutenund beweinten von jeher fromme und treue Diener Gottesselbst jede läßliche Sünde; denn sie erkannten, daß Gottauch schon durch sie beleidigt werde, und daß also dieselbenicht ohne traurige Folgen für uns bleiben könne.
Fr. Welche traurige Folgen begleiten gewöhnlichdie läßliche Sünde?
Antw. Die läßliche Sünde 1) schwächt und ge-fährdet das geistliche Leben in uns, und 2) zieht siemanche Strafen Gottes nach sich.
Fr. Jnwiefernc schwächt und gefährdet siedas geistliche Leben?
Antw. 1) Sie schwächt das Leben der Seele da-
durch, daß sie viele Gnadengeschenke Gottes verhindert,2) sie gefährdet dasselbe, indem sie uns nach und nachzu schweren Sünden führt.
Belehrung und Beispiele. Die läßliche Sündeschwächt 1) das Leben der Seele ebenso, wie eineauch noch so unbedeutende Krankheit den Körper schwächt,indem sie uns manche Stärke von Oben vereitelt, vieleGnadengeschenke Gottes verhindert. „Die Todsünde ist ver-gleichbar mit dem Tode," sagt der heilige LaurentiusJustinianus, „die läßliche Sünde mit einer Krankheit.Durch die Todsünde wird die Axt an die Wurzel desBaumes gesetzt, durch die läßliche Sünde gleichsam dieRinde des Baumes verwundet, wodurch er zu kränkeln an-fängt." Und der heilige Franz von Sales schreibt:„Die läßliche Sünde zieht uns zwar nicht sogleich von demWege zu Gott ab; aber sie kann uns auf diesem Wegeaufhalten." — Die läßliche Sünde schwächt aber nicht bloßdas Leben der Seele, sondern 2) sie gefährdet es garsehr, indem sie uns nach und nach zu schwerenSünden führt; denn „wer im Kleinen untreu ist, derist auch untren im Großen." (Luk. 16, 10.) „Fliehet diekleinen Sünden," ruft uns der heilige Chrysostomus zu,„denn es entstehen große daraus." Betrachten wir z. B.ein eitles Mädchen; dieses fängt damit an, sich übermäßigzu schmücken; von der Eitelkeit in der Kleidung kommt siedazu, ihren Augen mehr Freiheit zu gestatten. DieFreiheit der Blicke erregt im Herzen irgend eine Neigung,die vielleicht anfangs nicht fehlerhaft, aber doch zu zärtlichund gefährlich ist. Diese Neigung artet allmählig aus: estreten die höllischen Künste hinzu, und endlich gelangt mandahin, die Blüthe der Jungfrauschaft mit Füssen zu treten.Siehe, wie man durch läßliche Sünden herabstcigt, und end-lich in den Abgrund stürzt!
Fr. Was für Strafen Gottes zieht die läß-liche Sünde nach sich?
Antw. Zeitliche Strafen entweder in diesem oderim andern Leben.
Belehrung. Die läßliche Sünde wird zwar nichtwie die Todsünde ewig bestraft; allein sie zieht doch zeit-liche Strafen nach sich oft schon in diesem, gewiß aberjederzeit im andern Leben. Denn da wir wissen, daß nichtsUnreines in den Himmel eingehen kann, so folgt von selbst,daß die Makel der läßlichen Sünde erst getilgt werden muß,bevor das Himmelsthor sich uns öffnet, indem der Herrspricht: „Ich sage euch, daß die Menschen über jedes Wort,