Am Feierabende des 3. October. 643
und du, Görg! hast es cingeschoben; denn das Fett tröpfeltdir ja aus dem Sacke heraus. Schämt euch und fürchteteuch der Sünde! Denn wenn ich auch eure Schalkheit nichtgemerkt hätte, so sah sie doch Gott, der keine Sünde un-gestraft läßt." Ja, mein Christ! Gott hört und sieht es,wenn du falsch schwörest, und er wird dich strafen um deinerRuchlosigkeit willen, magst du die Sache auch noch so schlauanstcllen.
Fr. Wie versündigt man sich ferner durch Schwören?
Antw. Wenn man schwört, Böses zu thnn oderGutes zu unterlasse».
Belehrung. Ebenso thöricht als sündhaft ist es, wenninan sich durch einen Eidschwnr zur Ausführung einer bösenThat oder zur Unterlassung des Guten verbindlich machenwürde. Einen solchen Schwur darf man weder,leisten;denn „ein Diener Gottes," sagt der heilige Augustin,„muß sich lieber dem Tode aussetzcn, als Etwas zu thnnversprechen, was er nicht thnn darf;" noch auch darf mandenselben halten, wenn man ihn bereits geleistet hat; dennwie cs Sünde war, einen solchen Schwur z» thnn, so wärees abermals Sünde, ihn zu halten. „Gottlos ist ein Ver-sprechen," sagt der heilige Isidor, „das nur mit einem Lastererfüllt wird."
Beispiel und Anwendung. Sophronius erzähltvon zwei Brüdern, die sich gegenseitig ewigen Haß geschworenhatten. Ein christlicher Nachbar, der diese furchtbare Feind-schaft mit Wehmuth sah, gab sich alle mögliche Mühe, diebeiden Brüder mit einander zu versöhnen. Der Eine vonihnen zeigte sich auch wirklich zur Versöhnung geneigt; derAndere aber verblieb hartnäckig in seiner Feindschaft. Derbrave Nachbar machte daher noch einen letzten Versuch undging zu dem Unversöhnlichen und stellte ihm sein hartes Herzvor. Dieser aber entgegnete: „Ich kann mich unmöglich mitmeinem Bruder je mehr auSsöhnen; denn ich habe es vor Gott,dem Allmächtigen und Allwissenden, geschworen, daß ich ihmewig zürnen will, nie mehr mit ihm auch nur ein Wörtleinverlieren werde. Könnte ich so böse thun und meinen Eidbrechen?" — Freundlich entgegnete hierauf der Nachbar:„Mein Sohn! wie kannst du doch so thöricht sein und glau-ben, daß es Gott dem Herrn gefalle, wenn du ihm aufeine Sünde, ans eine Todsünde hin einen Eid schwörest?Dein Schwur ist ungiltig, und du darfst ihn sonach eben sowenig halten, als wenn du Gott dem Herrn den Schwurgethan hättest: ,,„O mein Jesus! in Anbetracht deines kost-baren Kreuzes will ich deinen Geboten nicht mehr Nachkom-men, sondern den Willen des Teufels, deines Feindes, er-füllen."" Du hast also einen sündhaften Eid geschworenund würdest Sünde auf Sünde häufen, wenn du deinengottlosen Schwur halten wolltest!" — Die Worte des bravenMannes verfehlten ihren Eindruck nicht; noch an demselben
Tage versöhnten sich die beiden Brüder, und lebten von nunan in Liebe und Eintracht.
Fr. Wie kann mau sich endlich noch gegen denEidschwur versündigen?
Antw. Wenn mau den Schwur nicht hält, ob-schou man ihn halten kann, oder wenn man sich durchallerlei Ausreden oder Kunstgriffe von der Haltung des-selben entbinden zu können glaubt.
Belehrung und Beispiele. Man versündigt sichschwer, wenn man 1) einen gegebenen Schwur nichthält, ob schon man ihn halten kann. Dieser Sündemachen sich schuldig z. B. öffentliche Diener, welchegeschworen haben, ihrem Amte treu zu sein, eS aber nichtmit Gerechtigkeit, mit Genauigkeit und mit Unparteilichkeitverwalten; Eheleute, die am Fuße dcs Altarcs sich gegen-seitig eheliche Treue und Liebe geschworen haben, ihren feier-lichen Verbindlichkeiten aber nicht Nachkommen rc. — Eid-brüchig ist endlich 2) auch Derjenige, welcher sich durchallerlei Ausreden oder Kunstgriffe von seinemgegebenen Eide entbinden zu können glaubt.So machte eö z. B. der Sultan Snlciman. Bekannt istnämlich jene List, durch welche dieser seinem Gewissen ausdem Gedränge zu helfen verstand. Sein Großvczicr Ibra-him, durch die Gunstbezeigungen, mit denen der Sultanihn überhäufte, geängstigt, hatte diesem ein feierliches Ver-sprechen abgelockt, welches ihm gegen den Neid der HöflingeSchutz verbürgte. Suleimau schwur ihm nämlich, sichdurch keine Verläumdung bewegen zu lassen, ihn zum Todezu verurtheilen; er beschwor diese Zusage bei seinem Leben.Nicht lange nachher ward Ibrahim beim Gebieter der-gestalt angeschwärzt, daß dieser in seinem Zorne beschloß,ihn aus dem Wege zu räumen. Allein wie sollte er dasbeginnen, ohne seinen Eid zu brechen, sein Gewissen zu ver-letzen? Erging mit den moslemischen Pharisäern und Schrift-gelehrten zu Rathe, und ihr Scharfsinn hatte bald das rechteMittel gefunden. „Lasse ihn," sprachen sie, „zu jener Zeittödtcn, da du eben schläfst; denn also heißt es im Koran:„Ein Mensch, der da schläft, lebet nicht."" — Suleimanlegte sich schlafen, und Ibrahim erhielt die seidene Schnur.So war Suleiman sein Mörder; denn wer wird solcheScheingründe für zureichend erachten, um einen Eid-bruch zu rechtfertigen? — Ganz anders handelteFriedrich der Schone von Oesterreich. Dieser war vonKaiser Ludwig dem Bayer in der Schlacht bei Ampsing1322 besiegt und als Gefangener nach Trausnitz geschickt