l
^ ' " «L?.
Am Feierabende des 15. September.
603
Herz.... Wir habeneine zweifache Waage;auf der einen wiegenwir unsere Vortheilemit dem größten undbeßten Nutzen für unsselbst, so viel wir nurkönnen; mit der an-dern Waage wiegenwir die Vorthcile, dieunfern Nächsten an-gehen, und richten da-mit den Ueberschlagoder Ausschlag auf un-sere Seite, so viel esnur sein kann; undwas kann dieß dannanders sein, als einAbscheu und Gräuelvor Gott?" — MitRecht nennt daher derheilige Thomas vonAquin die Eigenliebe„eine Quelle alles Nebels, aus welcher, so lange sie fließt,nur Elend und Verderben ausströmt."
Beispiele und Anwendung. Die heilige Angelavon Foligni erkannte gar wohl dieses Verderben der Eigen-liebe ; daher fürchtete sie sich vor derselben mehr, als vor dembösen Feinde; denn sie wußte, daß letzterer nur durch dieEigenliebe Eingang in unser Herz finden und Macht überunsre Neigungen gewinnen könne; sie wußte, daß dieser sichwie ein Wolf in den Schasstall unsers Herzens einschleicheund daraus von der Heerde frommer Gefühle und guterGedanken ein Schäflein nach dem andern raube. Darumsprach die Heilige oft zu ihrer Umgebung: „Meine Kinder!es gibt Nichts auf Erden, Nichts in der Hölle, was ich sosehr fürchte, als die Eigenliebe. Sie dringt tiefer in unfernGeist und in unsre Seele ein, als ein schneidendes Schwert,um sie von Gott zu trennen und mit tausendfachem Verderbenzu erfüllen." — Und die heilige Magdalena von Pazzissögt noch bei: „Die Eigenliebe macht es in der Seele, wieein Wurm, der die Wurzel der Pflanze abnagt, so daß erdieselbe nicht nur der Früchte, sondern auch des Lebens be-raubt." — Wir sotten daher, meine christlichen Leser! alleunsere geistigen und körperlichen Kräfte aufbieten, um die ver-derbliche Macht der Eigenliebe in unserm Herzen zu unterdrücken.
Fr. Was sollen wir thun, um diese verderblicheEigenliebe in uns zu unterdrücken?
Antw. Wir sollen beständig dagegen kämpfen undGott den Herrn um seinen Beistand und den heiligenGeist um seine Gnade hiezu bitten.
Belehrung. Der große Lehrer und SeelenarztSt. Franziskus Salesius erklärt uns die Mittel zurUnterdrückung der Eigenliebe ausführlicher. „Die Reize undAnfälle der Eigenliebe," sagt er, „können, wenn sie auchnoch so häufig und ungestüm sind, uns dennoch nicht dengeringsten Schaden bringen; wir sollen ihnen nur gleich ohneVerwirrung mit Nein antworten und begegnen. . . UnsereEigenliebe zu dämpfen, sollen wir nur gleich mit aller Ge-walt Gott loben, so oft wir an unserm Nebenmenschen etwasGutes und Löbliches wahrnehmen; zugleich sollen wir bitten,seine göttliche Majestät wolle solches an ihm erhallen undvermehren. — Die Eigenliebe stellt sich, als ob sie aller-dings todt wäre, nach Art des arglistigen Fuchses; jählingsaber fällt sie uns wieder an, wie der Fuchs die Hühner.Daher ist es nöthig, daß wir immer auf der Hut seien.Und bekommen wir bisweilen einen Biß von ihr, so könnenwir durch Reue und Mißfallen an unserm Fehler leicht wiedercurirt werden.... Ein vortreffliches Mittel gegen diese Eigen-liebe ist die göttliche Liebe; denn sie brennt gleichsam die Eigen-liebe aus dem Herzen heraus." (Sieh das nebenstehende Bild!)
Beispiele und Anwendung. Wer also gegen denfalschen Freund,der Eigenliebe Sieger werden will, der mußvor Allem beständig mit sich selbst Krieg führen. Derheilige Franziskus Taverius kündigte der Eigenliebeunversöhnliche Feindschaft an; fortwährend lag er gegen sieim Kampfe. Er erlaubte sich keinen Genuß, welcher derEigenliebe schmeichelte; er aß und trank nicht mehr, alszur Erhaltung seines Lebens* nothwendig war. Beständigführte er gegen sich und die Seinigen das Sprüchlein imMunde: „Besiege dich selbst!" Und als man ihn umdie Ursache fragte, warum er diese Ermahnung so oftwiederhole, so gab er zur Antwort: „Weil der Menschdurch den Sieg über sich selbst im Himmel den herrlichstenTriumph feiern wird." — So mußt auch du, meinChrist! stets die Eigenliebe in dir bekämpfen, und wenn dirder Kampf manchmal zu hart wird, so nimm deine Zufluchtzu Jesus und zur Gnade des heiligen Geistes; ich muß dirdenselben Rath geben, den einst ein Vater der Wüste seinemJünger gab. Als nämlich letzterer fragte: „Welches wohldas erfreulichste Leichenbegängniß wäre," gab jener zur Ant-wort: „Wenn du deine Eigenliebe zu Grabe tragen würdest."Auf die Frage, wie dieß geschehen könne, entgegnete der weiseLehrer: „Wenn du die Eigenliebe in dir ertödten und zuGrabe tragen willst, so nimm dir Jesum als Arzt, denheiligen Geist als Todtengräber und, wenn du die Gestorbenein's Grab gelegt hast, so pflanze das Kreuz Christi als
76*
/ '