Druckschrift 
Christkatholisches Haus- u. Familienbuch in Wort u. Bild
Entstehung
Seite
584
Einzelbild herunterladen
 

584

Viertes Hauptstück. Von der Feindesliebe; Beweggründe hiezu.

WM

/MW

WM

gehört, das; cs hieß: Liebe deinen Nächsten und hasse deinenFeind! Ich aber sage euch: Liebet euere Feinde; segnet Die,welche euch fluchen, thnct Gutes Denen, die euch hassen, undbetet für euere Verleumder und Verfolger, damit ihr Kindereueres Vaters im Himmel seid, der über Böse und Guteseine Sonne aufgehen und über Fromme und Lasterhafteregnen läßt!" (Matth. 5, 43 ff.) Dieß also ist das aus-drückliche Gebot unseres Herrn und Gesetzgebers.

Christus hat uns aber die Feindeslicbe nicht nur be-sohle», sondern uns 2) auch das erhabenste Beispielder Feindeslicbe gegeben. Begegnete er nicht seinemBerräther auf das Liebreichste, indem er zu ihm sprach: Bk einFreund! wozu bist du gekommen?" (Matth. 26, 50)Betete er nicht sterbend am Kreuze für seine Feinde undMörder:Vater! verzeih ihnen, sie wissen nicht, was siethun"? (Luk. 23, 34.) Dieses erhabene Beispiel desgöttlichen Heilandes betrachtend, sind gar viele fromme Christenschon zur FeiudeSliebe angesporut und angeeifert worden.

Beispiel und Anwendung. Ich erzähle dir, meinchristlicher Leser! von den tausend Beispielen nur Eines.Als der fromme Papst Pius VI. auf dem Sterbebette lagund sich anschickte, die letzte Wegzehrung zu empfangen, ließer sich seinen kirchlichen Ornat auziehen und aus heiligerEhrfurcht und Verehrung gegen Jesus Christus von seinemBette herab in einen Lehnstnhl heben. Der Kardinal vonSpina, Erzbischof von Korinth, näherte sich mit Thränenin den Augen, um dem-heiligen Vater zu dienen, und fragteihn in Gegenwart Jesu Christi, ob er seinen Feinden ver-zeihe. Auf diese Frage richtete Pins VI. seinen Blick nachOben und dann auf das Kruzifix, welches er immer inden Händen hielt, und sprach:Von ganzem Herzen,von ganzem Herzen! Ebenso wie Jener verziehenhat, der hier am Kreuze hängt." O daß auch wir

durch den Anblick des Gekreuzigten, unsers göttlichenVorbildes, zur Feindesliebe angespornt werden möchten!

Fr. Was sott uns aber noch ganz besonderszur Feindesliebe ermuntern?

AntW. Unser eigener Bortheil; denn wenn wirunfern Feinden nicht verzeihen, so wird uns Gotlauch nicht verzeihen.

Belehrung und Beispiel. Christus der Herrselbst spricht dieß deutlich mit den Worten ans:Wennihr nicht vergebet, so wird euer Vater im Himmel aucheure Sünden nicht vergeben" (Mark. 1t, 26.), und erlehrte uns ausdrücklich beten:Vergib uns unsre Schul-den, wie auch wir vergeben re." Wer also nicht ver-zeiht, der betet selbst das sonst so scgenrciche Gebet desHerrn zu seinem eignen Verderben; ja, wehe einem Jeden,der nicht verzeiht! Dennein Gericht ohne Erbarmenwird über Den ergehen, der nicht Barmherzigkeit erweist;"es wird ihm ergehen, wie der Biene. Wenn diese Rachenimmt und sticht, so muß sie sterben. Um uns die Wahr-heit, daß wir keine Verzeihung von Gott zu erwarten haben,wenn nicht auch wir unfern Feinden vom Herzen verzeihen,in einem recht klaren Bilde zu zeigen, trug einst der gött-liche Heiland folgende Gleichnißrede vor:DaS Himmel-reich," sprach er,ist einem Könige gleich, der mit seinenKnechten Rechenschaft halten wollte. Als er zu rechnen an-fing, brachte man ihm Einen, der ihm zehntausend Talenteschuldig war. Da er aber Nichts hatte, wovon er bezahlenkonnte, befahl sein Herr, ihn und sein Weib und seine Kin-der und Alles, was er hatte, zu verkaufen und zu bezahlen.Da fiel der Knecht vor ihm nieder (sieh das obige Bild!),bat ihn und sprach:Habe Geduld mit mir, ich will dirAlles -czahlen." Und es erbarmte sich der Herr über diesenKnecht, ließ ihn los und schenkte ihm die Schuld. Als aberdieser Knecht hinausgegangen war, fand er Einen seinerMitknechte, der ihm hundert Denare schuldig war; und erpackte ihn, würgte ihn und sprach:Bezahle, waS duschuldig bist!" Da fiel ihm sein Mitknecht zu Füßen, batihn und sprach:Habe Geduld mit mir, ich will dir Allesbezahlen." Er aber wollte nicht, sondern ging hin, undließ ihn in's Gefängnis; werfen, bis er die Schuld bezahlthätte. Da nun seine Mitknechte sahen, was geschehen war,wurden sie sehr betrübt; und sie gingen hin und erzähltenihrem Herrn Alles, was sich zugetragen hatte. Da rief ihnsein Herr zu sich und sprach zu ihm:Du böser Knecht! dieganze Schuld habe ich dir nachgelassen, weil du mich gebetest