578 Viertes Hauptstück. Von den Beweggründen zur Liebe Gottes und von den verschiedenen Arten derselben.
wenn wir Gott ohne allen Eigennutz um seiner selbstwillen lieben, d. h. wegen seiner unendlichen Vollkommen-heiten, nicht aber deshalb, weil er uns strafen und belohnenkann. Unvollkommen hingegen ist sie, wenn wir Gottauch um unsertwillen lieben, d. h. deshalb, weil er unssoviel Gutes thut, uns erhält und ernährt u. s. w. — So-wohl die vollkommene als die unvollkommene Liebe ist einewahre Liebe zu Gott; nur bildet die erstere einen höhernGrad der Liebe, von welcher Johannes schreibt (I. 4,16—17.): „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott,und Gott in ihm," und: „ Jeder, der liebt, ist aus Gott geboren."
Beispiele und Anwendung. Ich will dir, meinchristlicher Leser! die Sache durch einige Beispiele noch deut-licher machen. Eine vollkommene Liebe hatte z. B.Maria Magdalena. Diese benetzte die Füsse Jesu mitThränen der Buße und der heiligen Liebe und trocknete siemit ihren Haaren. Sie that dieses nur aus inniger undheiliger, also aus vollkommener Liebe zu Jesus. Darumsprach auch der göttliche Heiland: „ Ihr werden viele Sündenvergeben, weil sie viel geliebt hat." (Luk. 7.) — Von einervollkommenen Liebe zu Gott war auch jene christlicheFrau zu Alexandrien beseelt; diese erschien eines Tages aufdem Marktplatze; in der einen Hand hielt sie ein Gefäß mitWasser, und in der andern eine brennende Fackel; und daman sie fragte, was sie hiemit wolle, gab sie zur Antwort:„Mit dieser Fackel möchte ich den Himmel verbrennen, undmit diesem Wasser das Feuer der Hölle auslöschen, damitman Gott hinfort nicht aus Hoffnung einer Ver-geltung, nicht aus Furcht vor der Strafe liebe,sondern einzig und allein um seiner selbst willenund wegen seiner anbetungswürdigen Vollkom-menheit." — Ein Beispiel von unvollkommener Liebezu Gott ersehen wir in dem verlornen Sohne. Inseinem Elende gedachte er der schönen und sorglosen Tage,die er im väterlichen Hause gehabt, und sprach zu sich selbst:„Wie viele Taglöhner im Hause meines Vaters haben Ueber-fluß an Brod, ich aber sterbe hier Hungers! Ich will michaufmachenund zu meinem Vater gehen. "(Luk. 15, 17 u. 18.) —Also nicht bloß aus Liebe zum Vater, sondern weil er inder Heimat vom Vater so viel Gutes genossen, macht er sichauf zur Heimkehr; seine Liebe war eine unvo llkommen e. —Begnüge dich nicht, mein Christ! mit einer unvollkom-menen Liebe zu Gott; suche sie immer mehr zu läuternund zu vervollkommnen.
Fr. Wodurch können und sollen wir die Liebe Got-tes in uns erhalten und immer mehr vervollkommnen?
Antw. Durch Anwendung verschiedener Mittelund durch Beseitigung verschiedener Hindernisse, dieder Liebe zu Gott entweder hemmend oder gar zerstörendentgegentreten.
Belehrung und Beispiel. Die Mittel zur Be-förderung und Vervollkommnung der Liebe Gottes sind vor-züglich folgende: Oefterer und würdiger Empfang der heili-gen Sakramente; fromme Betrachtung der Größe und GüteGottes, besonders aber des leidenden und sterbenden Heilan-des, Selbstverläugnung und Geduld in Trübsalen und end-lich Ausübung guter Werke. Die Hindernisse aber sind:theils die Todsünde, welche die Liebe Gottes ganz undgar aus unserm Herzen verdrängt, theils die läßlicheSünde, die dieselbe wenigstens schwächt. — Was kannalso natürlicher sein, mein Christ! als daß du die Sündemit allem Ernste meiden, gute Werke aber und die Tugendder Selbstverläugnung und Geduld fleißig üben, die heiligenSakramente oft und würdig empfangen, die Güte deinesGottes ernstlich betrachten mußt, wenn du in der Liebe zuGott Fortschritte machen willst; denn sieh' so wie man durchSprechen im Sprechen sich übt, durch Arbeiten das Arbeitensich aneignet, so lernt man lieben durch Lieben. Merke dirdas und handle darnach, und du wirst in der Liebe zuGott und mit ihr in jeglicher Tugend von Tag zu Tagwachsen und zunehmen. — Ein ganz gutes Mittel zur Be-förderung der Liebe Gottes in den Herzen ihrer untergebenenNonnen hatte die ehrwürdige Mutter Johanna Fran-ziska Chantal ausfindig gemacht. Sie ließ nämlich, weilsie wollte, daß alle Handlungen ihrer Nonnen im Geisteder Liebe geschehen sollten, an die Wand des Klostergangesdie Eigenschaften schreiben, welche der heilige Paulus diesererhabenen Tugend gibt: „Die Liebe ist geduldig, gütig, ohneEifersucht, ohne Ehrgeiz, ohne Selbstsucht, ohne Bosheit;sie glaubt Alles, sie hofft Alles, sie erträgt Alles." Tratder Fall ein, daß eine Nonne es an der Liebe fehlen ließ,so schickte sie dieselbe fort, mit dem Aufträge, diesen Spruchzu lesen, welchen sie den Klosterspiegel nannte. Sieselbst las ihn oft in Gegenwart ihrer Mitschwestern und sichumwendend sagte sie dann mit einer feurigen Miene: „Wennich die Sprache der Engel redete, und ich hätte die Liebenicht, so wäre ich Nichts; würde ich meinen Leib Marternund brennenden Schmerzen hingeben; was würde es mirhelfen, wenn ich die Liebe nicht hätte?"
Legende: Die heiligenMarth rer Gorgonius,Dorotheus und Petrus (ch um 304).
Von dieser heiligen Liebe zu Gott entflammt, gingenauch die drei Heiligen Gorgonius, Dorotheus undPetrus, deren Lebens- und Leidensgeschichte uns amheutigen Tage in der Legende erzählt wird, mit Freudendem Martertode entgegen. Sie waren Kämmerlinge