Druckschrift 
Christkatholisches Haus- u. Familienbuch in Wort u. Bild
Entstehung
Seite
344
Einzelbild herunterladen
 

344

Drittes Hauptstück. Wie der Sünder zur heiligmachenden Gnade gelangt.

lichen Barmherzigkeit Verzeihung zu erlangen hofft. Jetztfängt er an, Gott zu lieben, bereut seine Sünden, faßtden Vorsatz, ein neues, gottgefälliges Leben zu führen,und empfängt, wenn er noch nicht getauft ist, das Sa-krament der Taufe, oder, wenn er schon getauft ist, dasSakrament der Buße. Dadurch empfängt er nun die hei-ligmachende Gnade, mit ihr die Nachlassung der Sündenund innere Heiligung, wodurch er wirklich gerecht, Gottwohlgefällig, ein Kind Gottes und Erbe des Himmelsist. (6cmo. Irillenl. sess. 6.)

Belehrung und Beispiel. Ich will dir, mein Christ!diese Sache durch ein Gleichniß oder Beispiel aus der Naturnoch deutlicher erklären. Siehe, beim Uebergang aus demStande der Sünde in den Stand der Gnade geht eine ähn-liche Umwandlung vor, wie beim Uebergang der Natur vomWinter in den Frühling. Damit nämlich die Wintercrdein die heitere, schöne Frühlingsflur sich umwandle, müssenvor Allem die erwärmenden Strahlen der Sonne auf sieniederfallen. Nun wird ihr erstarrter Boden weich, die harteEisrinde schmilzt und gleitet in unzähligen Bächlein überKlippen und Thälcr in die Tiefe; aus der Erde sproßt bannjunges Grün, die Blumen tauchen hervor, zuerst das stilleVeilchen, dann seine übrigen Schwestern, und mit Wohlgefallenweilt das Auge auf der neubelebten Natur. Ist nicht die-ser Uebergang der Wintererde zur Frühlingsflur ein schönesBild vom Uebergange aus dem Stande der Sünde in denStand der Gerechtigkeit und Heiligkeit? Erst muß den Sün-der der warme Strahl der Gnadensonne treffen; nun wirdsein Verstocktes Herz weich, von den Wangen fließen die Bächeder Neuethränen; es kommen gute Gedanken und Vorsätze.Die Demuth, deren Sinnbild das Veilchen ist, hebt sich zuerstempor, dann folget ihr der Blumenschmuck aller Tugenden,und Gottes Auge weilt nun mit Wohlgefallen auf dieser neu-belebten Seele.

Fr. Bei wem finden wir am Deutlichsten diesenGang der Rechtfertigung?

Antw. Bei allen Bekehrten, bei allen frommen undheiligen Büßern.

Belehrung. Aus der Bekehrungsgeschichte aller hei-ligen und frommen Büßer können wir den Gang der Recht-fertigung, d. i. die Art und Weise ersehen, wie sie aus Sün-dern Gerechte wurden, oder wie sie aus dem Stande derSünde in den Stand der Gnade gelangten. Gott trieb siedurch seine zuvorkommende Gnade an, daß sie sich zuihm hinwendeten, an Gott glaubten, von der Furcht vor der

göttlichen Gerechtigkeit heilsam erschüttert, von der Hoffnungans die Barmherzigkeit und Güte aber ermuthigt wurden, sodaß sic anfingen, Gott zu lieben, die Sünden zu verab-scheuen, ein neues, gottgefälliges Leben zu führen und durchden Empfang des heiligen Sakramentes der Taufe, oderwenn sie schon getauft waren, der Buße in den Standder heiligmachcnden Gnade einzutreten. Wir sehendicß z. B. am heiligen Ignatius, am heiligen Augusti-nus, an der heiligen Maria von Aegypten, an derheiligen Büßerin und Märtyrin Eudoxia und anvielen Andern. Sie alle find aus Sündern Büßer, ausBüßern Heilige, Kinder Gottes und Erben des Himmelreichesgeworden.

Beispiel und Anwendung. Um die Sache noch deut-licher zu erklären, führe ich Folgendes aus der Lebensge-schichte des heiligen Augustinus an, für dessen Bekehrungseine Mutter so viele Thränen vergoß. Nachdem dieser näm-lich, längere Zeit in Rom verweilt und diese Stadt mit demblendenden Glanze seines außerordentlichen Geistes, aber auchmit seinem geistigen Hochmuth und mit Sinnengenuß erfüllthatte, kam er durch göttliche Fügung nach Mailand, welcherStadt damals der heilige Ambrosius als Erzbischof Vor-stand. Durch das Gerücht der ausgezeichneten Predigten die-ses heiligen Mannes angelockt, hört Augustin dessen Predig-ten voll Neugierde und wird dadurch nach und nach in seinemInnern merkwürdig nmgewandelt. Indessen verzehrt er sichlange im unentschiedenen Kampfe mit sich selbst. In diesemwirft er sich eines Tages unter einen Feigenbaum nieder und läßt