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Drittes Hauptstück. Was wir in Bezug auf die Gnade besonders meiden müssen.
Leichtsinn oder Lauheit oderwohl gar aus Bosheit, nichtvon uns flössen.
Belehrung. Die gött-liche Gnade nöthigt den mensch-lichen Willen nicht, sondernläßt ihm vollkommene Frei-heit; daher können wir derGnade widerstreben; aberwehe uns, wenn wir diesesthun! Gottes Gnade kannuns alsdann nicht zum Heile,sondern nur zum Verderbengereichen; wir werden dadurchunsere Seele tief verwunden. Darum ruft uns der heiligeChrhsostomus zu: „Schlage mit dem Fuße nicht auswider den Stachel, wenn du dich nicht verwunden willst!"Und der Psalmist (Ps. 94, 8.) ermahnt uns: „Heute,wenn ihr Gottes Stimme höret, so verhärtet eure Herzennicht!" Nie wollen wir der göttlichen Gnade die Thüreunscrs Herzens verschließen, nie die Hand zurückziehen, wennuns Gott die seinige anbietet. Ach, welch' eine Bosheit wärees, wenn wir der göttlichen Gnade widerstehen würden?!
Beispiel und Anwendung. In Sicilien war einreicher Handelsmann; dieser ließ sich mit einer leichtferti-gen Person des andern Geschlechtes in ein sündhaftes Ver-hältniß ein, nahm sie endlich in's Haus, und später so-gar auch auf seine Handlungsreisen mit. Da suchte ihnder liebe Gott mit einer schweren Krankheit heim, umihm die Augen zu öffnen. Auf das dringende Zuredendes Beichtvaters ließ er sie aus dem Hause weisen und ver-sprach, sich vom Herzen zu bekehren. Allein kaum war erwieder gesund, so nahm er sie auch wieder zu sich. Balddarauf erhob sich ein heftiger Sturmwind auf dem Meere,wo er sich mit ihr in einem Schiffe befand. Das Schiffscheiterte. Indessen hatte er mit seiner ehrlosen Gesellschaf-terin das Glück, ein Brett zu ergreifen. Sie schwammenBeide mehrere Tage auf dem wüthenden Meere umher, er-weckten Neue und Leid über ihre Sünden, versprachen Gott,wenn er sie retten würde, sich auf der Stelle zu trennenund ein strenges Bußleben zu führen. So kamen sie glück-lich an's Land; sie trennten sich auch wirklich. Allein nachwenigen Tagen, als der Schrecken vergessen war, suchten siesich wieder auf und lebten wieder, wie vorher. Endlich suchteihn Gott abermals mit einer gefährlichen Krankheit heim.Die Aerzte gaben ihn verloren. Jetzt ließ er einen Beichtvaterrufen und die liederliche Person ohne Barmherzigkeit aus demHause jagen. Auch versprach er Gott und dem BeichtvaterAlles, und Jeder glaubte, es wäre ihm recht Ernst; Alleserfreute sich über seine Bekehrung. Als sich aber nach eini-
gen Tagen seine Krankheit änderte, und die Aerzte ihmsagten, er wäre außer Gefahr, ließ er sogleich die Dirne zusich rufen, bat sie um Verzeihung wegen der Verstoßung, undindem er ihr die Hand reichte, — war er todt. — MeinChrist! Erkenne hieraus, wie verderblich und schrecklich es ist,der göttlichen Gnade zu widerstehen! Es gibt ein Maß derGnade; ist dieses voll, dann zeigt Gott uns statt der Gnadeseinen Groll!
Fr. Was will das sagen: Wir sollen nicht stolz seinauf die göttliche Gnade, noch auf unsere eigene Kraft?
Antw. Dieses will sagen, daß wir uns nicht überAndere erheben und uns nicht auf unsere geistigenoder körperlichen Vorzüge, Fähigkeiten und TugendenEtwas einbilden sollen.
Belehrung. Alles, was wir sind und haben, ist einGeschenk der göttlichen Gnade; wir müssen daher stets de-müthig bleiben und unsere Armseligkeit bekennen, selbst auchdann, wenn wir mit den herrlichsten Anlagen ausgestattetund mit göttlichen Gnaden überschüttet würden. Es ist jadieß nicht unser Eigenthum, sondern nur ein hinterlegtes Gut.Würden wir stolz darauf sein, so würde der Herr uns dasselbeentziehen und uns dafür strafen. „ Wenn der König bei einemArmen einen Schatz hinterlegt," also sagt der heilige Ma-karius, „so darf ihn Der, welcher ihn zur Verwahrung hat,nicht als sein Eigenthum ansehen, oder Etwas davon ver-schwenden, sondern muß allezeit seine Armuth bekennen; dennder Schatz ist nicht sein, sondern ein mächtiger Herr, derKönig, hat ihn hinterlegt und wird ihn nach Gefallen wiederfordern. Auf gleiche Weise müssen Die, welche von GottGaben empfangen haben, gesinnt sein, müssen demüthig blei-ben und ihre Armuth bekennen. Wollte der Arme ans denfremden Schatz trotzen und sich dessen überheben, als ob cssein Eigenthum wäre, so würde der König den Schatz vonihm nehmen."
Beispiel und Anwendung. Ein Altvater der Wüstepflegte, wenn er hörte, daß ein Bruder in eine schwere Sündegefallen sei, bitterlich zu weinen, und sprach: „Er heute, ichmorgen! Denn ich bin ein Mensch, wie er; und wenn ichnoch nicht gefallen bin, so kam es bloß daher, weil Gottesbesondere Gnade mich aufrecht erhielt." — So müssen auchwir denken, mein Christ! und der Herr wird uns seineGnade nicht entziehen; denn „dem Demüthigen gibt Gottseine Gnade; dem Hoffärtigen aber widersteht er." Nimmdir in dieser Beziehung ein Beispiel an jener frommen unddemüthigen Magd des Herrn, deren Lebensgeschichte ich dirheute aus der Legende erzählen will.
Legende: DieheiligeJungfrauMariaMag-dalena von Pazzis. (ch 1607.)
Die heilige Maria Magdalena von Pazzis
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