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Drittes Hauptstiick. Von der Bedeutung und Notwendigkeit der wirklichen Gnade.
Allen muß nicht ein gleiches Geständnis; machen und sonachdie Nothwendigkeit der göttlichen Gnade erkennen!
Fr. Da uns nun die Gnade Gottes so überausnothwendig ist, so entsteht die Frage: Gibt Gottaber auch allen Menschen seine Gnade?
Antw. Ja, Gott gibt allen Menschen hinlänglicheGnade, daß sie die ihnen obliegenden Gebote halten undselig werden können.
Belehrung. »Gott will, daß alle Menschen selig wer-den und zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen," also schreibtder heilige P.aulus. (1. Tim. 2, 4.) Wenn nun aberGott will, daß Alle selig werden, so gibt er gewiß auchAllen seine Gnade, daß sie selig werden können.„Ja, Gott gibt uns in der That seinen Beistand," fügt derheilige Chrysostomus bei; darum sagt der heilige ApostelPaulus (1. Cor. 10, 13.): „Gott ist getreu; er wird euchnicht über euere Kräfte versuchen lassen, sondern bei der Ver-suchung auch den Ausgang geben, daß ihr ausharren könnet"— d. h. Gott läßt uns nicht bloß nicht über unsere Kräfteversucht werden, sondern er steht uns auch in der Versuchungbei, unterstützt und kräftigt uns, wenn wir auch das Unsrigethun und es an gutem Willen, an Hoffnung auf ihn, anErgebenheit und Geduld nicht fehlen lasten. Ganz schönschreibt in dieser Beziehung der heilige Ephrem: „DerSchatz der göttlichen Gnade ist einer sehr wasserreichen Quellegleich, die Jedem, dem cs davon zu schöpfen beliebt, zur Ge-nüge gibt. Die Quelle verwehrt es Keinem, wenn er will,davon zu schöpfen." So ist es also wahr, was der heiligeAugustin sagt: „Nie verläßt Gott den Menschen, wenn ernicht vorher von dem Menschen verlassen wird," und derheilige Bernhard: „Wir beklagen uns, daß uns die Gnadefehle; aber dürfte die Gnade vielleicht sich nicht mit mehrRecht beklagen, daß wir ihr fehlen?"
Beispiel und Anwendung. An der Gnade Gottesfehlt es uns also nicht, wenn wir sie auch nur immer bereit-willig annehmen und benützen würden. Zwei Einsiedlergruben in der Wüste gute schwarze Erde aus und trugen,da es ihnen an Fuhrwerk und Lastthieren fehlte, dieErde sackweise in ihren Garten, um den Boden desselbenzu verbessern. — Der Jüngere der zwei Brüder ward überdie Sonnenhitze und die beschwerlichen Fliegen so unwillig,daß er fast bei jedem Schaufelstiche murrte. „Lieber Bru-der!" sagte der Aeltere, „bitte doch Gott um Geduld."„Ich habe doch schon oft genug gebeten", erwiderte der Jün-gere, „aber seine Gnade hilft mir dennoch nicht!" Der Aelteregrub stille fort, bis er wieder einen Sack gefüllt hatte, undsprach dann: „ Hilf mir den Sack auf die Schulter nehmen!"Der Jüngere schob ihm den Sack mit angestrengter Kraft
rückwärts auf die Schulter. Der Aeltere zog ihn aber vor-wärts wieder herab, daß der Sack zur Erde fiel. „ Wassoll das heißen?" rief der Jüngere. „Meine Hilfe kann dirNichts nützen, wenn du sie vorsätzlich wieder vereitelst!" —„Siehe," sagte der Alte, „so ist cs mit dem Beistände Gottes.Gott ist immer bereit, uuS beizustehen. Wenn wir aber mitder göttlichen Gnade nicht Mitwirken, sondern ihr vielmehrwiderstreben, was kann uns die Gnade Gottes dann helfen?"— Du siehst also, mein Christ! daß es uns an der GnadeGottes niemals fehlt, wenn wir sie nur auch gerne annehmenund bewahren. Ww sollen es in dieser Beziehung machenwie jener Heilige, dessen Fest auf den heutigen Tag fällt!nämlich der heilige Papst Urban, der nicht nur selbst diegöttliche Gnade treu benützte, sondern auch Andere zur treuenBenützung derselben ermahnte. Von ihm wird uns Folgen-des erzählt in der
Legende: Der heilige Papst Urban, (f 230.)
Dieser Heilige war der Sohn eines römischen Bürgersnnd wurde im Jahre 223 auf den römischen Stuhl er-hoben. Zur Zeit der Christenverfolgung hielt er sichmit zwei Priestern und drei Diakonen bei den Grabstät-ten der heiligen Märtyrer in einer Höhle verborgen.Dort von dem Stadtvogte ergriffen, wurden sie vor dasGericht geführt und in's Gefängniß geworfen. Mitbekümmertem Herzen vernahmen die Christen die Ge-fangensetzung ihres geliebten Bischofes. Viele derselbenbesuchten ihn im Gefängniß, brachten die ganze Nachtbei dem heiligen Bekenner unter Gebet und Lobpreisun-gen Gottes zu, nnd begaben sich erst am Morgen wiedernach Hause. Urban wurde mit seinen Gefährten zumzweiten Male vor den Richter geschleppt, der ihm vor-warf , daß er die Cäcilia, ihren Gemahl Valerian unddessen Bruder in's Verderben gestürzt und sich in ihrenhinterlassenen Reichthümern einen großen Schatz zugeeignet