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Am Feierabende des 22. Mai.
nur Wenige; es ist uns jedoch anschaulich genug, daß wirsammt und sonders auf den stürmischen Wogen deS vielbeweg-ten Lebens umhcrgctriebcn werden, und nach Glück und Freude,oder im besten Falle, nach dem innern Frieden suchen. Undso wird es uns Allen nahe genug gelegt, auf dieser ver-hängnisvollen Fahrt, wo so viele Gefahren uns bedrohen,die heilige Jungfrau als Beschützerin anzurufen, welche Allen,die auf Erden kämpfen und dulden, mit himmlischem Mit-leide und mit mütterlicher Hilfe zur Seite steht, und anwelche die Kirche in dem schonen Hymnus: msris stetig"
die Worte der Liebe und Verehrung richtet: „Sei gegrüßt,o Jungfrau, Leitstern auf dem Meere, hehre Gottes-mutter, selige Himm elspsorte!" — Durch Maria werdenwir also den Hafen der himmlischen Seligkeit gewiß erreichenund durch die Himmclspforte eingehen in die ewige Herrlich-keit, wenn wir sie mit Vertrauen anrufen und ihr im LebenNachfolgen.
Fr. Warum wird Maria endlich auch noch „Mor-genstern" genannt?
Antw. Weil mit der Geburt Mariens derTag der Gnade und des Lichtes anbrach, und bald dar-auf die Sonne der Gerechtigkeit, Jesus Christusselbst folgte.
Belehrung. Der Morgenstern verkündet den nahenTag. Wenn er erscheint, fliehen die Finsternisse; denn baldnach ihm brechen die Strahlen der Sonne herauf; er tröstet
auch Jene, die eine harte Nacht gehabt und mit Sehnsuchtden Tag erwartet haben. Wir nennen darum Maria den„Morgenstern", weil, als sie geboren ward, der Anbruchdes Tages der Gnade und des Lichtes war; denn baldfolgte auf sie die Sonne der Gerechtigkeit — Jesus Chri-stus. In Maria lag also der Keim aller Freude, alles Hei-les und Trostes, der Keim alles Segens, den wir durchJesum empfangen. Noch leuchtet sie uns gleich dem klarenMorgenstern vom Himmel herab, und tröstet uns auf dendunkeln Wegen dieses Lebens. Denn an ihrer Herrlichkeit sehenwir, daß auch uns ein besseres Leben erwartet, wenn wir,wie sie, Gott lieben und ihm dienen. Sie ist wie ein freund-'liches Gestirn, auf welches wir in der Nacht unserer Trüb-sale und Stürme Hinsehen und denken sotten: „Das ist dieZeit unserer Prüfung; einst aber wird für uns ein ewigfreundlicher Tag anbrechen." Sie ist ein freundliches Gestirn,auf welches wir in der Nacht der Sünde und Gottlosigkeitblicken sollen, um durch ihr Licht zur wahren Neue undBüßfertigkeit und so zur Sonne der Gerechtigkeit im Him-mel zu gelangen; wenn Maria, der Morgenstern,erscheint, muß die Nacht der Sünde und Bosheit weichen.(Sieh das obige Bild!)
Beispiel und Anwendung. Der ehrwürdige DienerGottes Johannes Eusebius Nieremberg aus derGesellschaft Jesu wurde einst beim frühen Morgengrauen zueinem Kranken gerufen, der von Jugend auf bis in's hcheAlter allen Lastern sich ergeben hatte und absichtlich solcheGräuelthaten verübte, wodurch er glaubte, Gott am Tiefstenzu beleidigen. Auch jetzt noch, obwohl dem Tode nahe, warer gegen jede heilsame Ermahnung verstockt geblieben. Inder Nacht aber, die seiner plötzlichen Sinnesänderung vorher-ging, da er eben schlaflos und elend dahinschmachtete, standurplötzlich eine leuchtende Frauengestalt vor seinenAugen, die ihn ernst und liebevoll zugleich anblickte und dannschnell wieder verschwand. Es war ihm, als wäre der leuch-tende Blick dieser himmlischen Frau bis in die Tiefen seinerSeele hineingedrungeu, und er, der nie sein Gewissen er-forscht, sah jetzt klar und deutlich sein ganzes vergangenesLeben vor sich liegen, sowie die Zahl und Größe aller seinerSünden in so schauerlicher Gestalt und Menge, daß einnamenloser Schmerz ihn ergriff, und Ströme von Thränenaus seinen Augen sich ergoßen. Doch der Stern, der amAbend seines Lebens ihm noch geleuchtet, bewahrte ihn auchvor Verzweiflung. Mt der Reue, die sein Herz ob seinerSünden und Frevelthaten ergriff, erwachte in ihm auch einfestes Vertrauen zur göttlichen Barmherzigkeit. Als der ehr-würdige Pater Eusebius verwundert über die plötzlicheBekehrung dieses ergrauten Sünders an sein Bett trat, er-zählte er ihm alle seine Verirrungen und Laster mit dergrößten Genauigkeit und Ordnung und im bittersten Seelen-schmerze. Er empfing nun die heilige Absolution, lebte dann