Am Feierabende des 9. Mai. 299
damit du Theil habest an ihrer Fürbitte, so folge dem Bei-spiele ihres himmlischen Wandels! Wer ihr folgt, geht nichtirre' wer sie anruft, verzweifelt nicht; hält sie dich, so wirstdu nicht fallen; beschützt sie dich, so hast dn Nichts zu fürch-ten; führt sie dich, so wirst du nicht müde. — Maria öff-net den Schooß ihrer Barmherzigkeit, damit Alle von ihrerFülle empfangen: der Gefangene die Erlösung, der Krankedie Gesundheit, der Betrübte Trost, der Sünder Vergebung,der Gerechte neue Gnaden."
Beispiel und Anwendung. Der Abt Palladiusist Bürge für eine Begebenheit, die ein merkwürdiges Zeug-nis; von dem mächtigen Schutze Mariens gibt, den sie unsin allen Gefahren und Nöthen dieses Lebensgewährt. Ein Bürger von Alexandrien, der mit seiner Ge-mahlin und einer sechsjährigen Tochter ein musterhaftes Le-ben führte, und auch sonst durch die Werke der Wohlthätigkeitsich einen guten Namen erworben hatte, ward durch seine Ge-schäfte bestimmt, nach Constantinopel zu reisen. Seine Ge-mahlin, die ihn bis zum Schiffe begleitet hatte, fragte ihnbeim Abschiede: „Wem empfiehlst du uns während deinerAbwesenheit? unter wessen Schutz hast du uns gestellt?"Er antwortete: „Unter die Obhut unsrer lieben Frau, derheiligen Gottesgebärerin." Wenige Tage nachher, als siebei ihrem Arbeitstische saß und das Kind neben ihr, hatteder einzige Diener des Hauses sich die Gelegenheit er-sehen, beide umzubringen, alles Werthvolle zu rauben unddann die Flucht zu ergreifen. Schon stand der Ruchlose,mit einem tüchtigen Messer bewaffnet, auf der Schwelle dergeschlossenen Thüre, als er, plötzlich mit Blindheit geschlagen,weder vor- noch rückwärts den Weg fand. Nachdem er dannvergeblich der Gebieterin zugerufen, daß sie herauskommenmöchte, gerieth er in solche Wuth, daß er sich selbst erstach;doch starb er an der Wunde nicht früher, als bis sein Vor-haben auf gerichtlichem Wege aus seinen eigenen Bekennt-nissen ermittelt wurde. — Möge dich, mein christlicher Leser!diese wunderbare Begebenheit ermuntern, daß auch du dichund die Deinigen stets unter den mächtigen Schutz Mariensstellest; du wirst da die Wahrheit der Worte erfahren, dieSt. Bernhard ausgesprochen: „Wenn Maria dich hält, sowirst du nicht fallen; wenn sie dich beschützt, so hast duNichts zu fürchten."
Fr. Wann sollen wir aber ganz besonders beiMaria im Leben Schutz und Hilfe suchen?
Antw. In Versuchungen gegen den heiligen Glau-ben und gegen die heilige Neinigkeit.
Belehrung. Am Meisten bedürfen wir die Hilfe undden Schutz Mariens, wenn in uns Glaubenszweifeloder Versuchungen gegen den heiligen Glaubenentstehen; da müssen wir also auch zu ihr unsere Zufluchtnehmen und rufen: „Bitt' für uns jetzt!" Denn Mariahat sich in allen Glaubenskämpfen stets als eine siegreiche
Heldin bewährt, so daß die Kirche Gottes selbst von ihr sagt:„Sie hat alle Ketzereien auf der ganzen Erde vernichtet." —Nicht minder gefährlich sind auch die Versuchungen gegendie heilige Neinigkeit; wir müssen daher ebenso, wieder heilige Aloysius (sieh das vorhergehende Bild!) beiMaria Hilfe suchen und mit dem heiligen JohannesDamascenus zu ihr flehen: „Nahe dich, Mutter meinesHeilandes! Nahe dich, und ich werde mitten in den Flam-men der Versuchung nicht brennen, — unter tausend Schlin-gen der Nachstellung werde ich sicher sein, — unter Windenund Wellen der Anfechtungen wird mich die Gefahr des Schiff-bruches nicht schrecken! Ich fürchte Nichts, wenn du meineSchutzfrau bist, — bin nicht ängstlich über meine Schwach-heit, wenn ich von dir gestärkt werde. Dein Name ist meinSchild, dein Beistand meine Rüstung, deine Hilfe meinSchwert. Durch dich greife ich den Feind herzhaft an; durchdich treibe ich ihn beschämt zurück und erhalte den herrlich-sten Sieg."
Beispiele und Anwendung. Maria steht uns be-sonders in Versuchungen gegen den heiligen Glau-ben gerne bei. Davon war der heilige FranziskusXaver ins vollkommen überzeugt. Daher ließ er bei seinenMissionen, wenn er das apostolische Glaubensbekenntniß er-klärte, nach jedem Artikel in der Volkssprache singen: „Hei-lige Maria, Mutter unsers Herrn Jesu Christi! erbitte unsvon deinem vielgeliebten Sohne die Gnade, diesen Artikelder christlichen Lehre fest zu glauben!" — Bei Maria sol-len wir aber auch Schutz und Hilfe suchen in allen Ver-suchungen gegen die heilige Neinigkeit; wir sollenes da machen, wie der heilige Thomas von Villanova.Dieser wurde oft auf die furchtbarste Weise vom bösen Feindeangefochten und geplagt, so daß er nicht selten darüber intiefe Betrübniß gerieth. Das einzige Mittel, welches ihm indieser traurigen Lage jedesmal Hilfe und Stärke verschaffte,war die Zuflucht zur seligsten Jungfrau Maria. Darumgibt er uns aber auch in seinen Schriften folgenden schönenRath: „Wenn der Teufel uns versucht, so müssen wir esmachen wie die kleinen Hühner, die, wenn sie den Geier er-blicken, sich schnell unter die Flügel ihrer Mutter verbergen.Eben so müssen auch wir, sobald wir bemerken, daß eineVersuchung über uns kommt, ohne Verzug unter den Schutz-mantel Mariens fliehen und zu ihr rufen: „Du, o meineKönigin und Mutter! du mußt uns vertheidigen; denn nachGott haben wir keinen andern Zufluchtsort als dich, die duunsere einzige Hoffnung, unsere einzige Zuflucht bist, auf diewir all unser Vertrauen setzen!"
Legende: Der heilige Gregor von Nazianz,Kirchenlehrer und Erzbischof zu Constanti-nopel. (-s- 389.)
Gregor, dessen Fest die Kirche heute feiert, gehörtunter die glänzendsten Lichter der katholischen Kirche und
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