Druckschrift 
Christkatholisches Haus- u. Familienbuch in Wort u. Bild
Entstehung
Seite
224
Einzelbild herunterladen
 

824

Zweites Hauptstück. Mündliches und innerliches Gebet oder Betrachtung.

Fr. Wie nennt man das innerliche Gebet noch?Antw. Betrachtung.

Fr. Worin besteht die Betrachtung?

Antw. Darin, daß man das Leben und Leiden Jesu,die göttlichen Vollkommenheiten oder andere Glaubens-Wahrheiten bei sich erwägt, um in seinem Herzen frommeRührung, besonders aber gute Entschließungen und kräf-tige Vorsätze zu erwecken.

Belehrung. Gegenstand der Betrachtung können seinalle Wahrheiten und Geheimnisse des Glaubens, alle Gebeteund Tugenden der Religion, alle Bitten im Gebete des Herrn,die Wohlthaten Gottes im Reiche der Natur und Gnade, dieletzten Dinge des Menschen, das Leben und Leiden des Er-lösers und seiner Heiligen, alle erfreulichen oder traurigenSchickungen und Zulassungen GottcS. Bei der Betrachtungversetzt man sich vor Allem in Gottes Gegenwart;dann richtet man Geist und Herz auf den zu betrachten-den Gegenstand; hierauf stellt man an sich die Frage,ob man bisher dieser Wahrheit oder Pflicht gemäß gelebt habeoder nicht; bereut dann in Demuth seine Verirrungen vordem Herrn und faßt den redlichen und festen Vor-satz zur Besserung; endlich fleht man zu Gott umKraft und Stärke zur Ausführung der frommen Vorsätze undverbindet damit den innigsten Dank für die bei der Be-trachtung empfangenen Erleuchtungen und heilsamen Anreg-ungen. Dieses innerliche oder betrachtende Gebet ist für unsaußerordentlich nvthwendig und nützlich. Dadurchlernen wir Gott erst recht kennen und lieben; dadurch ge-langen wir erst zu einem lebendigen und bleibenden Bewußt-sein unserer erhabenen Bestimmung auf Erden; durch dieBetrachtung wird uns das Erhabene, Heilige und Trostvolleunserer heiligen Religion erst recht klar, und wir werden da-durch angespornt, uns immer mehr in unsere heilige Reli-gion hineinzuleben u. s. f. Wahrlich, ohne Betrachtung lerntsich der Mensch nie selbst recht kennen; denn die Betrachtungist ein Spiegel, der uns alle Flecken und Wackeln, die un-sere Seele verunstalten, zu erkennen gibt. Wer nicht betrach-tet, erkennt seine Fehler und Mängel nicht, und deßhalb ver-abscheut er selbe auch nicht. Wer sich aber auf die Betracht-ung verlegt, dem werden sich seine Fehler und die Gefahren,zu Grunde zu gehen, klar vor Augen stellen; und da er siesieht, wird er auch darauf bedacht sein, Mittel und Rath dagegenzu schaffen. Daher haben auch die Heiligen Gottes diesesinnere Gebet mit heiliger Freude geübt; bei Tag und Nachtlagen sie in frommer Betrachtung vor Gott. Alle Heiligen,"

sagt der hl. Augu-stin,wurden nurdurch das Gebet unddurch fromme Be-trachtung heilig; ihrganzes Leben warein stetes Beten undBetrachten."

Beispiele ».An-wendung. WennAlles sich zur Ruhebegeben hatte und intiefen Schlaf versun-ken war, so stand derheil. Papst Cöle-stin us oft vomBetteauf, um in stiller Be-trachtung mit Gottund seinem Seelen-heile sich zu beschäfti-gen ; oft setzte er die- -ses sein betrachten-des Gebet bis Mit-ternacht fort. (Siehdas nebenstehende Bild!) Obwohl David auf dem Throne saßund mit Negierungsgeschäften vollauf zu thun hatte, so pflegteer doch siebenmal des Tages zu beten, wie er selbst sagte;er stand bei der Nacht auf, um zu beten und zu betrachten.Unter Eingebung des göttlichen Geistes verfaßte er seine er-habenen Gesänge, die jetzt noch in der Kirche des neuen Ge-setzes gesungen werden. Mehrere große Fürsten, wie Karlder Große, der heilige Ludwig und der heiligeHeinrich rc. weihten dem Gebete und der Betrachtungmehrere Stunden des Tages, ja sogar der Nacht. Karl V.widmete nicht bloß in seinen letzten Lebenstagen, nachdem erdie Krone niedergelegt hatte, einen großen Theil seiner Zeitder Betrachtung, sondern selbst unter den vielfachen Geschäf-ten und Sorgen seiner Regierung hat er diese nie vernach-läßigt, so daß man schon in seinem dreißigsten Jahre vonihm zu sagen pflegte:DerKaiser rede mehr mit dem liebenGott, als mit Menschen." Solltest nicht auch du, meinchristlicher Leser! diese so nützliche und heilsame Gebetsweisezu erlernen und wenigstens alle Tage ein Viertelstündchen zuüben suchen? Dein Seelsorger würde dir gewiß solche Andachts-und Betrachtungsbücher an die Hand geben oder bezeichnen,die dir dabei gute Dienste leisten könnten.

Fr. Wann beten wir mündlich?

Antw. Wenn wir die frommen Gedanken, Empfind-ungen nnd Gefühle unserer Seele auch äußerlich knnd-geben oder mündlich anssprechen.

Belehrung. Nicht nur mit den Kräften der Seele,sondern auch mit den Kräften des Leibes sollen wir Gott