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Zweites Hauptstiick. Warum unser Gebet so oft nicht erhört werde.
Belehrung. „Der ist ein Thor," sagt der heiligeChrysostomus, „welcher, wenn ihm die Wahl gelassenwird, anstatt des köstlichen Geldes schlechtes Blei wählt, wel-cher die indischen Perlen verachtet und mit Fleiß werthleseMuscheln sammelt, welcher, wo er das köstlichste Obst ge-nießen könnte, sich mit säuern Schlehen und Hagbutten be-gnügt. Mit Einem Worte, der ist ein Thor, welcher dasNützlichste und Nothwendigste, das er haben kann, weder ver-langt noch begehrt." Und dennoch gibt es genug solche Tho-ren ; denn gar Viele bitten nur um Geld und Gut, um zeit-lichen Segen und Wohlstand; an ihre Sünden, an Himmelund Seligkeit denken sie nicht. „Viele rufen im Gebete Gottan," sagt gar schön der heilige Augustin, „aber nicht alsGott. Sie begehren Sachen von Gott, wodurch sie zeigen,daß sie nicht die Ehre Gottes, sondern etwas Anderes suchen, dassie alsdann in ihren Gelüsten verzehren können. Sie wür-digen Gott den Herrn zu ihrem Untergebenen, zu ihremDiener herab, zum Diener ihrer Begierlichkeit, ihrer Hoffart,ihres Geizes und ihres wollüstigen Lebens." — Wie soll sieda Gott erhören?
Beispiele und Anwendung. Als Ludwig XI., Königvon Frankreich, an einer bedenklichen Krankheit darnieder lag,sandte er reiche Geschenke an die Kirche des heiligen Eutro-pius, damit daselbst für ihn gebetet würde. Er ließ sichaber vom Abte des dortigen Klosters das Kirchengebet vor-legen, das für ihn währenddes heiligen Opfers gelesen wurde;und da er fand, daß darin vom Heile des Leibes und derSeele die Rede war, so sprach er darüber sein Mißfallenaus. „Eines nach dem Andern," sagte er, „und Jedes zuseiner Zeit! Man muß nicht von Gott zu viel auf einmalbegehren! Für jetzt handelt es sich um die Genesung desLeibes; was die Seele anbelangt, dazu wird sich ein andersMal die Gelegenheit finden!" — Wie viele Christen gleichendiesem Könige, — sie beten nur um irdische Güter; ihrSeelenheil und die himmlischen Güter sind ihnen nur eineNebensache. Was Wunder dann, wenn Gott ihr Gebet nichterhört? Auch in der heiligen Schrift begegnet uns ein Bei-spiel, das hieher paßt. König Jeroboam streckte seineHand gegen den Propheten Gottes aus, und ans der Stelle ver-dorrte sie; wie er aber das merkte, sagte er zu dem Pro-pheten: „Bitt' für mich, daß mir meine Hand wie-der hergcstellt werde!" Anstatt um Verzeihung für seineSünden zu bitten, weil er sich am Propheten Gottes ver-greifen wollte, bat er um Wiederherstellung seiner Hand. Anseine Hand allein dachte er, an seine Seele gar nicht. Somachen auch wir es gar oft. Hat man Schaden an Geld undGut, an Haus und Hof, an Vieh und Feld, da weint undjammert man; mau klagt über schlechte Zeiten, über Krank-heit, die uns befallen hat; man lauft zum Propheten desN. B., zum Priester nämlich, und ruft: Bitt' für mich, daßder erlittene Schaden wieder gut werde, daß ich meine Ge-
sundheit wieder bekomme u. s. w. An unsere Seele aber,wie es dieser gehen möge, denken wir gar nicht, diese machtuns die geringste Bckümmerniß. O das ist gefehlt, weit ge-fehlt! Wir beten nicht um Rechtes; darum hört unsGott nicht. Ja, nicht selten würde es uns zum größten Ver-derben gereichen, wenn uns der liebe Gott in unfern thörich-ten Bitten erhören würde. Willst du also Erhörung finden,mein Christ! so bete vor Allem um solche Dinge, die sichauf Gottes Ehre und dein Seelenheil beziehen, um zeitliche ,
Dinge aber nur insoferne, als sie hiezu dienen. Daher ruftuns der göttliche Heiland zu: „Suchet vor Allem das Reich iiGottes und seine Gerechtigkeit; alles Uebrige wird euch alsZugabe gegeben werden."
Fr. Wann beten wir nicht auf die rechteWeise? I,
AntW. Wenn wir beten ohne Vorbereitung, ohne «Andacht, ohne Demuth, ohne Glauben und Vertrauen,ohne Ergebung in Gottes heiligen Willen, ohne Be- !.'harrlichkeit, kurz, wenn unser Gebet die oben angegebenen ssechs Eigenschaften nicht hat.
Belehrung. Ach, wie viele Christen beten nicht aufdie rechte Weise! Die Einen kommen voll Zerstreuungen undvoll irdischer Sorgen zum Gebete, die Andern ohne Reueund Lebensbcsserung; Viele beten ohne alle Andacht undSammlung des Geistes, voll Unaufmerksamkeit, voll innerer Kälteund Lauheit; Vielen fehlt es an Glauben und Vertrauen, ^an Ergebung in Gottes Willen oder an Ausdauer; Vieleendlich beten Gott an mit ihrem Munde, durch ihr Lebenaber lästern sie ihn. Wie soll oder kann Gott alsdann einsolches Gebet erhören?! „Alle Diejenigen," sagt der heiligeAugustin, „die schlecht leben, lästern Gott, wenn auch ihreZunge schweigt. Was hilft es, wenn deine Zunge einenHymnus anstimmt, dein Leben aber nur Fluch und Bosheitathmet? "
Beispiel und Anwendung. Habe also Acht, meinChrist! daß du stets auf die rechte Weise betest; dennein Gebet ohne Andacht, ohne Demuth u. s. w. findet bei Gottkeine Erhörung. In alten Geschichten wird erzählt, wie einstdie Römer drei seltsame Männer zu Abgesandten nach Bithy-ninen erwählt haben, wovon der Eine an der Fußgicht litt,der Andere ein verbundenes Haupt zur Schau trug, derDritte ein. träges und gleichgültiges Gcmüth zu erkennen gab.
Als Cato die Leute sah, sprach er: „Diese Gesandtschaft hatweder Kopf, noch Herz, noch Füße!"— So kann es auchunserm Gebete ergehen, welches wir zu Gott emporsenden,damit es unsere höchsten Angelegenheiten vertreten soll. Wennunser Gebet nicht fest steht im Glauben und Vertrauen,so hat es keinen Fuß; es ist herzlos, wenn es zerstreut ist,ohne Andacht und leer, und es ist ohne Kopf, wenn wirnicht beachten noch wissen, was wir sagen. Solches Gebeterhört Gott freilich nicht.