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Zweites Hauptstück. Eigenschaften des Gebetes, und zwar die ersten drei.
haben muß, wenn es Gott wohlgefällig und uns nützlichsein soll.
Fr. Wann beten wir mit Andacht?
Antw. Wir beten mit Andacht, wenn wir vonHerzen beten und alle zersteuenden Gedanken währenddes Gebetes von uns nach Kräften ferne zn halten suchen.
Belehrung. Wenn wir beten, so muß das Herz füh-len, was der Mund spricht; denn Gott sieht beim Gebeteauf's Herz, nicht auf die Lippen. „Beim Gebete muß mehrdie Stimme des Herzens, als des Mundes gehört werden,"sagt der heilige Bonaventura. Nichts mißfällt Gott demHerrn mehr, als ein zerstreutes und unaufmerksames Gebet.Daher beklagt er sich über alle Jene, die voll Zerstreuungnur mit dem Munde beten. „Dieß Volk ehrt mich mit den Lip-pen, aber ihr Herz ist weit von mir." (Matth. 15, 8.)Hinweg also mit allen Zerstreuungen! Denn wenn wir selbstSchuld daran sind oder sie freiwillig zulassen, so sind siesündhaft. Stets sollen wir gegen dieselben kämpfen dadurch,daß wir uns beim Gebete aller weltlichen Gedanken möglichstentschlagen und uns Gott, den Allgegenwärtigen, recht leben-dig vorstcllcn. — Wenn wir beten, so sollen wir uns (alsosagt ein geistlicher Lehrer), auf der einen Seite den Schutz-engel stehend denken, der unser Gebet im Buche des Lebensaufzeichnet, wenn es Belohnung verdient; auf der andernSeite den Teufel, der es im Buche des Todes anmerkt, wennes der Strafe würdig ist. Auf solche Weise werden wir gewißalle Zerstreuung von uns ferne halten und mit Sammlungdes Geistes und mit Andacht beten.
Beispiel und Anwendung. Mit Andacht, mit heili-ger Inbrunst und voll Sammlung des Geistes betete derheilige Bernhard; er ließ sich durch Nichts irre machenim Gebete und hielt es für eine unendliche Beleidigung Got-tes, während des Gebetes zerstreut oder unaufmerksam zusein. „Ich füge Gott eine große Unbild zu," sagt er selber,„wenn ich ihn bitte, mein Gebet zu erhören, da ich doch selbst,während ich es ausgieße, dasselbe nicht höre. Ich bitte ihn,er wolle auf mich merken; aber ich merke weder auf mich,noch auf ihn, sondern (was das Schlimmste ist) ich bringenoch Unflath vor sein Angesicht, wenn ich unnütze und unlau-tere Dinge in meinem Herzen behalte und hege." — Lernealso vom heiligen Bernhard mit Andacht beten, mein christ-licher Leser! Sei überzeugt, daß Gott auf dein Gebet nichtachten wird, wenn du selbst nicht darauf achtest, d. h. wenndu voll Zerstreuung und ohne Andacht betest.
Fr. Wir sollen ferner mit Demuth beten —was will dieses sagen?
Antw. Dieses will sagen, daß wir beten sollen mit leb-hafter Erkenntniß unserer Schwachheit und Unwürdigkeit.
Belehrung. Wenn wir beten, sollen wir uns demüthi-gen und vor Allem unsere Schwachheit und unsereHilfsbedürftigkeit erkennen. „Wenn wir beten," sagtder heilige Augustin, „so sind wir Bettler, die von Gottein Almosen erflehen. Wenn nun der Bettler voll Stolzum eine milde Gabe bitten würde, was würde er wohl da-von tragen? Statt der milden Gabe sicherlich einen derbenVerweis ob seines stolzen, ungeziemenden Benehmens. Soergeht es auch Dem, der ohne Demuth betet." —. David,dieser große und mächtige König, erkannte in der Demuthseines Herzens gar wohl seine Armuth und Nichtigkeit; da-rum rief er aus, wenn er vor Gott im Gebete kniete: „Herr!ich bin ein Bettler und arm; erbarme dich meiner, o Gott!"(Ps. 19.) — Wenn wir beten, sollen wir uns aber auchnoch dadurch demüthigen, daß wir unsre Sündhaftig-keit und Unwürdigkeit anerkennen. Erinnern wir unsan das Gebet des Pharisäers und des Zöllners- (Luk. 18.)Jener betet mit Hochmuth und preist das Verdienst seinerFasten und Gebete an. Dieser betet mit Demuth, bekenntsich als Sünder, schlägt an seine Brust und wagt nicht denBlick zum Himmel zu erheben. Welches der Ansgang dieserbeiden so verschiedenen Gebete war, weiß Jedermann. DasGebet jenes Pharisäers wurde verworfen; der Zöllner aberwurde erhört. Jener lud durch seinen Hochmuth die Ver-werfung auf sich, dieser wurde von Gott wegen seiner tiefenDemuth gerechtfertigt. „Das Gebet also," müssen wirmit dem heiligen Bernhard sagen, „welches für das ewigeLeben geschieht, muß auf Demuth gegründet und auf Got-tes Erbarmung, wie es sich geziemt, gestützt sein."
Beispiel und Anwendung. Papst Clemens V. hattesich über die Venetianer, welche seine Stadt Ferrara mitGewalt eingenommen hatten, sehr erzürnt, und das ganzevenetianische Gebiet mit dem Kirchenbanne belegt. Alle Bit-ten und Vorstellungen halfen Nichts, um seinen Zorn zu be-sänftigen. Da ersann Fr anziskus Dandalus, ein Mannvon großer Weisheit, aus Liebe zu seinem Vaterlande einganz eigenthümliches Mittel, um den Papst zu versöhnen.Eines Tages, als der Papst öffentliche Tafel hielt, erscheintDandalus im Speisesaale mit schweren Ketten am Halse,kriecht auf Händen und Füßen unter den päpstlichen Tisch,und beginnt die hcrabfallenden Brosamen aufzulesen. Da-durch wollte er den Papst an das chananäische Weib erinnern,welches, als Christus sich ebenfalls hart und unerbittlich zeigte,durch seine Demuth das Herz Christi rührte und er-langte, was es wünschte. Der Papst wurde auch wirklichdurch die Demuth des Dandalus gerührt, und verzieh denVenetianern. — O komm auch mit uns in das Haus desHerrn, o christliche Demuth! begleite uns, so oft wirbeten, und hilf uns, den Herrn zu rühren, und zum Erbar-men und Verschonen geneigt zu machen! Wir wissen es ja,