216
Zweites Hauptstück. Notwendigkeit des Gebetes.
herabfalle!" -— Siehe! spricht ebenfalls Gott, der himmlischeVater, zu seinen angenommenen Kindern, siehe da! meineunendliche Gnade und Hilfe ist alle Stunden und Augen-blicke für dich bereitet; willst du sie haben, gut! ziele nurdarnach! erhebe dein Gemüth zu mir, bete und ruse, und eswerden so viele Gnaden herabfallen, als du treffen und durchein würdiges Gebet von mir verlangen wirst! Thust du dasnicht, willst du mich nicht einmal darum ansprechen, so magstdu Hunger leiden und den Untergang deiner Seele deinereigenen Nachlässigkeit zuschreibcn.
Fr. Was folgt für uns aus dieser Notwendigkeitdes Gebetes?
Antw. Aus dieser Notwendigkeit des Gebetes folgtfür uns die Pflicht des Gebetes, oder mit andernWorten: weil uns Gott Nichts ohne Gebet geben will,so müssen wir fleißig beten; denn nur „werbittet, der wird empfangen."
Belehrung. „Nimm einen Fisch aus dem Wasser,"sagt der fromme Geisteslehrer Scaramelli, „und baldwirst du ihn vor deinen Augen sterben sehen; entferne dichvom Gebet, und bald wirst du vor Gott und seiner Gnadesterben. Denn sowie das Wasser das körperliche Leben desFisches ist, so ist das Gebet das geistige Leben des Menschen.Sowie nun ferner der Fisch, wenn er mit Vernunft undGlaube begabt wäre, die schwere Verpflichtung hätte, sich ausdem Wasser nicht zu entfernen, wovon die Erhaltung seinesLebens abhängt; ebenso ist der Christ schwer ver-pflichtet, das Gebet, Flehen und Bitten nichtzu unterlassen, wovon gegenwärtig das Leben der Gnadeund in Zukunft das unsterbliche Leben der ewigen Herrlichkeitabhängt." Das Gebet ist also für uns eine heilige Pflicht,die wir fleißig und gerne üben sollen; denn wer nicht bittet,wird auch Nichts empfangen.
Beispiel und Anwendung. Der ebengenannte Gei-steslehrer erklärt uns dieses in nachfolgendem schönen Beispieloder Gleichnisse. „Denke dir einen König," sagt er, „derein recht gütiges Herz hat, welcher von Mitleiden zu denArmen, die im Umfange seiner Staaten leben, bewegt, allemit dem Röthigen auf eigene Kosten versehen wollte, unddaher allen seinen Statthaltern und Beamten den Befehl er-theilte, aus dem königlichen Schatze alle Armen mit Häusernzu versehen, um darin zu wohnen, mit Kleidern, um sich zubedecken, mit Lebensmitteln, um sich zu nähren, und diesenseinen Willen und sein Versprechen öffentlich auf allen Plä-tzen bekannt zu machen. Wenn du nun unterdessen einenArmen mit zerlumpten Kleidern, vor Kälte zitternd und vorHunger schmachtend antreffen würdest, und auf die Frage,warum er von der Güte seines Königs keinen Gebrauch mache,die Antwort erhieltest: „Ich habe keine Lust dazu, um dasNöthige zu bitten;" was würdest du zu einem solchen Men-
schen sagen? Du würdest zu ihm sagen: „Es geschieht dir jRecht, wenn du vor Hunger ermattest und vor Kälte stirbst;deine Faulheit ist Schuld daran." Gerade dieses ist es, wasich auch zu dir sagen, muß. Der König des Himmels hatdir versprochen, dich mit geistigen Gütern für dein Heil unddie Vollkommenheit deiner Seele zu versehen, und er hat die-ses Versprechen der ganzen Welt in den vier Evangelien kund Iwerden lassen. Du bist jener Arme, von dem ich rede, der stdes Gewandes der christlichen Tugenden entblößt, kalt imDienste Gottes, unachtsam und nachläßig in Bewahrung vor kSünden ist: weil du dir nicht die Mühe nehmen willst, diegöttliche Hilfe fortwährend und aus vollemHer-zen anzu rufen, d. h. zu beten. Es geschieht dir alsoganz recht, so sage auch ich, wenn du nie einen Schritt zurVollkommenheit thust, ja, wenn du vielleicht gar rückwärtsgehst mit der Gefahr, in den Abgrund zu stürzen." — Er-kennst du hieraus nicht die Pflicht des Gebetes, meinChrist? Wehe also Demjenigen, der nicht betet! Sein Leben §gleicht einem Baume ohne Saft, seine Handlungen fallenherab zur Erde, wie im Herbste die gelben ausgetrockneten ^Blätter. Es fehlt ihm das Licht für seinen Geist, die wahreRuhe für sein Herz und die Kraft für seinen Willen. Da-rum sollen wir, meine Christen! die Pflicht des Gebe-tes stets treu und eifrig erfüllen, wie jene Heilige, deren :Name heute im Martyrologium steht. Es ist dieß die hei-lige Balbina.
Legende: Die heilige Balbina, Jungfrau undMärtyrin. (P 130.)
MWU
HB,»,»
WMMIMWM'
Diese Heilige war eine Tochter des römischen Hanpt-manncs Quirinus und lebte wie ihr Vater in früherJugend in den Finsternissen des Heidenthums; bald aberführte Gottes Erbarmung beide nicht nur znm Lichte desChristenthnms, sondern verlieh ihnen auch die Krone derMärtyrer. Quirinus war nämlich Aufseher über diegefangenen Christen, und da er ihre erhabenen Tugenden,