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Zweites Hauptstück. Lieblichste
ist und durch sein Brüllen Alles in Furcht und Schreckensetzt. Stark und mächtig unter den Elementen ist das Wasserund das Feuer; der Gewalt des erstem kann Nichts wider-stehen ; das andere legt in einer Geschwindigkeit ganze Städtein Asche. Stark unter den Getränken ist der Wein; aberstärker und mächtiger, als dicß Alles ist das Gebet, dasGebet des Gerechten nämlich; denn ihm kann selbst der all-mächtige Gott nicht widerstehen; durch das Gebet wird seinHerz überwunden. Sonach gibt es kein wirksameres Mittelzur Erlangung der Tugenden und zur Unterdrückung der Sün-den als das Gebet. Gar schön schreibt deßhalb der heiligeEphrem: „Das Gebet wehret dem Stolz, löschet die Nach-sucht aus, tilget den Neid und führet zur Frömmigkeit. DasGebet segnet den Menschen mit Stärke, das Hauswesen mitGewinn. Das Gebet ist das Siegel der Jungfrau, die Treueder Ehe, die Waffe der Reisenden, die Wache der Schlafen-den, die Zuversicht der Wachenden, die Fruchtbarkeit des Acker-baues, die Rettung der Schiffenden. Das Gebet vertheidigtdie Bernrthcilten, löset die Gebundenen, tröstet die Trauernden;das Gebet ist die Krone der Gatten und verschafft den Ver-storbenen Ruhestätte. Das Gebet ist die Wurzel unzähligerGüter, und mächtiger, als die königliche Macht. Nichts ver-scheucht so sehr die Lauheit und die Drangsale, als das Gebet.Wer in der Drangsal betet, in dessen Seele kann viel Ver-gnügen hinabsteigen. DaS Gebet ist den Sündern zur Mut-ter gegeben; diese Mutter heilet sie mit den Thränen, dissie weinen."
Beispiel und Anwendung. Wenn wir also fleißigbeten, so werden wir sicherlich den Weg zum Himmel nichtverfehlen. — „Hast du Alles, was du brauchst zur Wander-schaft?" fragte einst ein Vater seinen in die Fremde ziehendenSohn am Abende vor der Abreise. — „Alles," antwortetedieser, „bis auf's Wanderbuch!" — „Ein Wandcrbnch,"erwiderte der Vater, „hilft durch die ganze Welt!" Er nahmein Gebetbuch und gab es ihm mit den Worten: „Wenndu fleißig betest, mein Sohn! so wird dich Gott nicht ver-lassen; er wird mit dir sein und dich segnen und dich beschü-tzen in jeder Gefahr." — Ja, mein Christ! glaube mir's,wenn du fleißig und andächtig betest, so wirst du sicher denGefahren der Welt entgehen; denn der Herr, dein Gott, wirddich liebevoll beschützen; so oft du betest, ist er dir nahe.
Legende: Der heilige Abt Johannes Clima-kns. (fl 605.)
Die Kraft und Wirksamkeit des Gebetes hat nichtleicht ein Heiliger in so hohem Grade an sich selbst er-fahren und an Andern bewiesen, als der heilige Johan-nes Climakns, dessen Gedächtnis; wir heute feierlichbegehen. Zur. Bestätigung dieser Wahrheit nur EinBeispiel ans seiner LebenSgcschichte. Einst kam zu ihm
und Wirksamkeit des Gebetes.
ein Mönch, mit Namen Isaak, den die heftigsten Ver-suchungen wider die Reinigtest fast in Verzweiflung ge-bracht hatten. Unter Thränen entdeckte ihm der Unglück-liche den schweren Kampf, den er zu bestehen habe.Johannes Climakns sagte ihm: „Mein Sohn, laßuns zu Gott im Gebete unsere Zuflucht nehmen!" undsogleich warfen sie sich beide auf die Kniee nieder, denHimmel um Beistand anzufleheu, und von jener Zeit anward Isaak keinen Augenblick mehr von dem unlauter»Geiste beunruhigt. Siehe, so viel vermag das Gebetdes Gerechten! — Dieser große und heilige Diener Got-tes nun soll um das Jahr 525 in Palästina das Lichtder Welt erblickt haben. Schon in seinem siebenzehntenJahre wählte er den geistlichen Stand und erhielt ineinem Kloster auf dem Berge Sinai das Ordenskleid.Durch seinen frommen Wandel erbaute er nun alle seineBrüder. Nach neunzehnjährigem Aufenthalte im Klosterbegab er sich in die Wüste, und verlebte da unter Gebetund Abtödtungen aller Art seine Tage; zugleich schrieber ein vortreffliches Buch, die heilige Leiter oderClimax genannt, (daher sein Beiname Climakns.) —Hier nun verbreitete sich der Ruf seiner Heiligkeit immerweiter, und Viele reisten zu ihm, um geistlichen Unter-richt zu erhalten. Unter diesen kamen auch die Mönchedes Berges Sinai und drangen mit Bitten in ihn, ermöchte doch ihr geistlicher Vorsteher werden. Nur ansLiebe zu seinen Brüdern nahm er diese Last auf seineschon entkräfteten Schultern und führte seine Unterge-benen so weise und väterlich auf der Bahn der Tugendund des Heiles, daß sie ihn bei seinem Tode, der imJahre 605 erfolgte, wie Kinder ihren Vater beweinten.
Gebet. Laß auch uns, o Herr! in deiner göttlichenMilde und Barmherzigkeit die Kraft und Wirksamkeit des