Druckschrift 
Christkatholisches Haus- u. Familienbuch in Wort u. Bild
Entstehung
Seite
105
Einzelbild herunterladen
 

105

Am Feierabende des 10. Februar.

Quelle der Stärke in Versuchungen und die lehrreichsteSchule, ein Spiegel der Geduld und jeglicher Tugend.

Belehrung- O wie kostbar ist das Kreuz dem wahrenChristen! Es gilt ihm mehr, als alle Kostbarkeiten der Erde;in ihm findet er Trost bei Leiden und besonders in der Stundedes Todes, in ihm Stärke bei Versuchungen, Rath und Hilfein den Zweifeln dieses Lebens. Darum ruft der heilige Bern-hard aus: „Sicher ist das Kreuz schön; das Kreuz kanngeliebt werden; das Kreuz bringt Freude. So ist es, meineBrüder! Wer immer das Kreuzholz sammelt, dem sproßetdas Leben, dem liefert es Heiterkeit, dem träufelt das Oelder Freude, dem gibt es den Balsam der geistlichen Gnaden-gaben. Es ist kein wilder Baum, es ist für Den, der esumfasset, der Baum des Lebens, jener fruchtreiche, jenerheilbringende Baum; wie könnte er sonst die Erde des Herrneinnchmen?"

Beispiele und Anwendung. Die heilige EinsiedlerinGenovefa hatte in der Wüste Vieles und Schweres zu lei-den. Da erschien ihr ein Engel, und brachte ihr ein schönesCmcifix und gab es ihr und sprach: „Nimm hin, Genovefa!dich heilige Kreuz, das dir Jesus Christus zum Trost vomHimmel sendet. In ihm sollst du dich beschauen, an ihm sollstdu dich spiegeln und vor ihm sollst du dein Gebet verrich-ten! Wenn du betrübt bist, so tröste dich mit dem Kreuze;fliehe zu ihm, wann du angefochten wirst, überfällt dich Un-geduld, so erinnere dich der Geduld Dessen, der an diesemKreuze hängt." — Genovefa benützte dieses himmlische Ge-schenk des Kreuzes nach der ihr vom Engel gegebenen An-weisung, und siehe, im Kreuze fand sie Trost und Stärke;das Kreuz wurde ihr die Leiter zum Himmel und der Schlüs-sel zur Pforte des Paradieses. O wie kostbar ist also dasKreuz! Dieß erkannte gar wohl jenes fromme Mädchen, dasbei einer Erbschaft sich als das beste Stück ein hölzernesKreuz wählte. Da lachten sie die andern Erben aus, daßsie nicht Gold oder Silber, nicht Edelsteine oder schöne Klei-der sich gewählt habe. Allein später zeigte es sich, daß ge-rade dieses unansehnliche Kreuz der beßte Theil war; denninnerhalb des hölzernen Kreuzes befand sich ein solches von Goldund Edelsteinen. Ja, glaube inir's, mein Christ! das Kreuzschließt in sich die kostbarsten himmlischen Schätze, die mehr werthsind als Gold und Edelsteine. Daher ergreife und halte festdas Kreuz, damit du auf demselben glücklich durch das stür-mische Meer dieses Lebens hinübergelangest in die himmlischeHeimath. „Mache es wie die Schiffbrüchigen," sagt ein gott-begeisterter Lehrer der Kirche (Segnen.) „Siehe nur, wennein Schiff in Trümmer geht, welch ein stürmischer Wettstreitsich mitten auf dem wogenden Meere erhebt. O wie käm-pfen da die Unglücklichen alle miteinander, um sich eines Bret-tes zu bemächtigen! O wie mühen sie sich gegenseitig ab!wie flössen sie einander hinweg! Und haben sie am Ende ei-nen Balken erlangt, — o wie fassen sie ihn fest! Und wa-rum? Bloß weil dieß ein Holz ist, das zur Rettung des

Mehler, Hausbuch.

bedrohten Lebens dient: mit andern Worten, weil es einHolz des Lebens ist. Ein solches Holz ist das Holz desKreuzes. Es ist ein Holz, das uns nach dem Schiffbruchegeblieben ist. Wir müssen es als Schiffbrüchige schätzen, undes nicht blos fassen, sondern erfassen. So hoch ist seinWerth, da es dazu dient, das Leben zu erretten, ja, dasewige Leben zu erlangen. >— Wenn Jemand beim Schiff-bruche ein Holz ergreift, und dann es wieder fallen läßt;weil er nicht das Herz hat, dem Getöse und den Fluten zuwiderstehen, welche auf der hohen See ihm feindlich entge-gcntoben, so muß er zu Grunde gehen, ebenso als hätte erdasselbe gar nicht erfaßt. Nur wer es festhält, wird an'sGestade kommen. So verhält es sich mit dem Kreuze. Wasnützt es dir, wenn du eine Zeit lang das Kreuz mit grosserLiebe an deine Brust drückst; wenn du dich aber dann vonden Versuchungen überwältigen, und dir das Kreuz aus denArmen reißen lassest? Halte dasselbe mit aller Kraft fest, undlerne dieses von dem Schiffbrüchigen, welcher durch den An-blick der drohenden Gefahr zur äußersten Anstrengung ge-trieben, sich von dem schwellenden Meere wohl peitschen, auf-und abschleudern und in wilde Wirbel drehen, aber niemalszwingen läßt, seine Arme von dem Holze loszumachen. Auchdu darfst vom Kreuze nicht loslasseu!" — Ja, dieß merkedir, mein Christ! umfasse das Kreuz, halte es fest! Machees, wie jene Heilige, deren Lebensgeschichte uns heute erzähltwird in der

Legende: Die heilige Jungfrau Scholastika,(f 543.)

Diese umfaßtein allen Leidenund Widerwär-tigkeiten diesesLe-bens das Kreuzund betrachtete,was Jesus Chri-stus ihr zu Liebgelitten hat. Da-durch ermuntertesie sich zur Ge-duld und befreitesich von allerTraurigkeit, wiesiedennselbsteinstbekannte: „Eins!einziger Blick anf^den Gekreuzigten^nimmt mir so-gleich alle Be-schwerden undversüßt mirAllcs,was ich leide." Die heilige Scholastika stammte auseiner ansehnlichen und gottesfürchtigen Familie zu Nursiain Italien und war die Schwester des heiligen Bene-diktus. Schon von Jugend auf war sie der Welt undihren Freuden abgestorben; eitler Putz und kostbare Ktei-dertracht waren ihr zuwider; sie liebte nur ein einsames

14