76 Erstes Hauptstück.
Belehrung. Auch für die Nachkommen der Stamm-eltern hatte diese Sünde die traurigsten Folgen; denn wieAdam und Eva durch ihren Gehorsam jene übernatürlichenGaben nicht bloß für sich, sondern für alle ihre Nachkommenbewahrt hätten; so haben sie auch durch ihren Ungehorsamdieselben nicht nur für sich, sondern auch für uns Alle ver-loren, und dadurch das ganze Menschengeschlecht in's größteElend gestürzt.
Fr. Worin besteht das Elend, welches unsere Stamm-eltern über das ganze Menschengeschlecht gebracht haben?
Antw. Darin, daß sowohl die Sünde selbst,als auch die bösen Folgen derselben von Adam aufalle Menschen übergegangen sind.
Belehrung. Ueberaus groß ist das Elend, das dieStammeltern durch ihre Sünde über uns gebracht" haben;denn 1) ist ihre Sünde selbst auf alle Menschen über-gegangen, so daß wir jetzt Alle mit der Sünde behaftetzur Welt kommen. „Durch Einen Menschen," schreibt derheilige Paulus (Rom. 5, 12.), „ist die Sünde in diese Weltgekommen, und durch die Sünde der Tod; und so ist aufalle Menschen der Tod übergegangen, weil alle in ihm ge-sündiget haben." Und mit Wehmuth klagt schon David imfünfzigsten Psalm: „Sieh, ich bin in Ungerechtigkeit empfan-gen worden, und in Sünden hat mich meine Mutter empfan-gen." 2) Aber auch die bösen Folgen gingen zugleichmit der Erbsünde auf alle Menschen über, als da sind: a)die Ungnade Gottes und mit ihr der Verlust der KindschaftGottes und des Erbrechtes zum Himmelreiche. Darum sagtder heilige Paulus (Eph. 2, 3.): „Wir waren von Na-tur Kinder des Zornes." Ii) Unwissenheit, Begierlichkeit undNeigung zum Bösen. Darum heißt es schon im ersten BucheMosis (8, 21.): „Der Sinn und die Gedanken des mensch-lichen Herzens sind zum Bösen geneigt von seiner Jugendauf." Und die traurigen Folgen der Erbsünde fühlend, klagteder heilige Paulus (Röm. 7,23.): „Ich sehe ein anderesGesetz in meinen Gliedern, welches dem Gesetze meines Geisteswiderstreitet." o) Allerlei Mühseligkeiten, Schmerzen, Plagenund endlich der Tod. Dieses finden wir schon ausgesprochenbei Sirach (40, 1.) mit den Worten: „Viele Mühseligkeitist allen Menschen anerschaffen, und ein schweres Joch liegtauf den Kindern Adams vom Tage ihrer Geburt bis zumTage ihrer Begräbniß." Und wir dürfen uns hierüber nichtwundern; denn wie Kinder eines kranken Vaters erbten dieNachkommen Adams auch dessen Verderbniß. „Denn einböser Baum kann keine guten Früchte bringen" (Matth. 7,18.) Darum heißt es schon im ersten Buche Mosis (5, 3.):
Von der Erbsünde.
„Und Adam erzeugte einen Sohn nach seinem Ebenbildeund Gleichnisse." — Ich will dir, mein lieber Leser! dieSache durch ein Beispiel deutlicher machen.
Beispiel und Anwendung. Ein mächtiger Könighatte einen Diener um sich, den er ungemein liebte und deß-halb zum Vertrautesten seines Herzens und zum Theilnehmeraller seiner Geheimnisse machte. Um ihm seine Liebe auchin der That zu beweisen, erhob er ihn zu seinem Vasallenund belehnte ihn mit hohen Würden, mit reichen Landgüternund den herrlichsten Ländereien. Wie nun der Vasall sich soerhoben sah, wurde er gar bald stolz und ließ sich vom Hoch-muthe, sowie von den zahlreichen Schmeichlern, die ihn um-gaben, so sehr verblenden, daß er mit dem Gedanken umging,sich selbst zum König zu erheben. Bald kam die Sache zurAusführung; er empörte sich gegen seinen König, der ihmdoch so liebreich zugethan war und ihn so reichlich beschenkthatte. Allein der König war weit mächtiger als er, und somußte er dessen siegreichen Waffen unterliegen. Nun wurde,wie billig, die fürchterlichste Strafe über den Empörer verhängt;er wurde sammt seiner ganzen Familie und allen seinenNachkommen auf immer und ewig aus der Adelsmatrikel aus-gestrichen, aller seiner Güter und Ländereien für verlurstig er-klärt und in eine öde und menschenleere Wüste verbannt, umdaselbst mit den Seinigen zu darben und zu weinen. Wermöchte wohl diese Handlungsweise des Königs tadeln? —Etwas Aehnliches ist es mit der Erbsünde. „Wenn der Vaterein Sklave ist," schreibt der heilige Bonaventura, „sowerden auch die Kinder Sklaven. Das liegt in der Naturder Sklaverei, in welcher sie der Vater gezeugt hat. Kannstdu das für unbillig oder ungerecht erklären? Gewiß nicht.Ebenso ist es bei der Erbsünde. Sie klebt der ganzenMasse der Menschheit an; man ererbt sie wie das Blut undbringt sie schon mit auf die Welt."
Fr. Ist von der Erbsünde kein einziger Mensch freigeblieben?
Antw. Nach der unfehlbaren Lehre der heiligen ka-tholischen Kirche ist nur Eine von der Erbsünde frei ge-blieben, und dieß ist die seligste Jungfrau und Mut-ter Gottes Maria.
Belehrung. Von jeher war es eine fromme Meinungder heiligen katholischen Kirche, daß Maria ohne Sündeempfangen worden sei. Mit Dank und Freude blickenwir daher auf jenen ewig denkwürdigen Tag (8. Dez.) zurück,an welchem diese wohlbegründete Meinung zu einem Glau-benssatz der katholischen Kirche erhoben worden ist. Wie sollteaber auch die Mutter des göttlichen Sohnes, sie,die den Reinsten und Heiligsten unter ihrem Herzentragen sollte, nur Einen Augenblick in der Gewalt desbösen Feindes (d. h. mit einer Sünde behaftet) gewesen sein?!Wie wäre dieß denkbar — wie vereinbar mit ihrer erhabenenWürde und Bestimmung?! Darum wollen wir im Leben