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Erstes Hauptstück. Gott ist heilig und gerecht.
Flammen, um den ungebesserten Sünder unter der Lastdeines allmächtigen Armes zu zerschmelzen!" — Wie tröstlichist sonach der Gedanke an die göttliche Gerechtigkeit für denFrommen, wie furchtbar hingegen für den Gottlosen! Dennder Herr wird Jeden: vergelten nach seinen Werken.
Beispiele und Anwendung. Wie die Heiligkeit Got-tes, so ist auch seine unendliche Gerechtigkeit mit unaustilg-baren Buchstaben in der Geschichte des Weltalls ausgeschrieben.Blicken wir in die heilige Schrift hinein, so begegnen uns daunzählige Beispiele, aus denen wir ersehen können, wie Gottin seiner Gerechtigkeit die Guten belohnt und die Bösen be-straft. — Die strafende Gerechtigkeit Gottes müssenwir erkennen in der Sündfluth. (Sieh das obige Bild.)„Gott sah, daß die Erde verderbt sei, denn alles Fleisch hatteseinen Weg verderbt auf Erden; da sprach er zu Noe: DasEnde alles Fleisches ist bei Mir gekommen; die Erde ist mitUngerechtigkeit erfüllet von ihnen, und ich will sie mit derErde verderben— Denn sieh, ich will eine Wasserfluth überdie Erde bringen und tödten alles Fleisch, in dem Odem desLebens ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist,soll uutergehen... Und die Fluth kam vierzig Tage über dieErde; da wurde vertilgt alles Fleisch.« (1. Mos. 6, 7.) —Die lohnende Gerechtigkeit Gottes hingegen zeigtesich an Noe, welcher bei dieser allgemeinen Sündfluth geret-tet wurde, weil er gerecht war. — Ebenso bewies Gott auchseine strafende Gerechtigkeit bei der Vernichtung derStädte Sodoma und Gomorrha, welche durch ihre Sün-den und Lasterthaten Gottes Zorn gegen sich gereizt hatten.„Das Geschrei von Sodoma und Gomorrha hat sich gemehrt,und ihre Sünde ist schwer geworden... Also regnete derHerr über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer vomHimmel herab und vernichtete diese Städte und die ganzeUmgegend, alle Bewohner der Städte und Alles, was grünteauf Erden." (1. Mos. 18, 19.) — Gottes lohnende Ge-rechtigkeit aber bewies sich an Loth, der deßwegen vondieser furchtbaren Strafe Gottes verschont blieb, weil er ge-recht war vor dem Herrn. — Blicken wir ferner in die Welt-geschichte, so begegnet uns auch da Gottes Gerechtigkeit inihrer furchtbaren Gestalt. Unter den Hauptanstiftern der Re-volution in Frankreich, die vor sechzig Jahren den König aufdas Blutgerüst brachte, zeichnete sich besonders Nobespierreaus. Viele Menschen wurden durch ihn unglücklich; Vieleverloren durch seine Grausamkeit und Rachsucht das Leben.Doch endlich kam auch über ihn die Hand des Herrn, die ihnstrafen mußte, weil er Menschenblut vergossen hatte. Er wardvon dem sogenannten National-Convent zum Tode verurtheilt.— Nobespierre aber, der den Tod allzusehr fürchtete, suchtesich selbst zu entleiben, und konnte also nur in schrecklicherkörperlicher Verstümmelung vor seine Richter gebracht werden.Als er nun vor denselben auf einer Tischplatte lag, dem Hohnedes Volkes, sowie dessen Mißhandlungen preisgegeben, da tratein Bürger zu dem Verurtheilten hin, klopfte ihm auf dieSchulter und sprach: „Ja, ja, Nobespierre, es gibteinen Gott, und der ist gerecht!" — So rufe ichauch dir zu, o Christ: „Ja, ja, es gibt einen Gott, und der
ist gerecht!" Präge dir diese Wahrheit tief ins Herz; undwenn du hin und wieder siehst, daß es hier auf Erden demBösen gut und dem Guten schlecht geht, so darf dich diesan der göttlichen Gerechtigkeit durchaus nicht irre machen;denn wisse, die vollkommene Vergeltung findet erst in derEwigkeit statt; erinnere dich nur an den armen Lazarus undan den reichen Prasser! Hat da die göttliche Gerechtigkeitdie Sache nicht in der Ewigkeit ausgeglichen? Ueberdies lehrtdie Erfahrung, daß kein Gottloser in diesem Leben wahrhaftglücklich, und kein Gerechter wahrhaft unglücklich ist; dennBeide fühlen in sich die Stimme des Gewissens, die den Ei-nen foltert, den Andern aber beseligt. Und so muß es sein;denn Gott ist gerecht, und er vergilt Jedem nach seinenWerken.
Fr. Wozu soll uns der Gedanke an Gottes Heilig-keit und Gerechtigkeit antreiben?
Antw. Er soll uns antreiben, 1) alles Böse sorg-fältig zu meiden und immer heiliger zu werden, 2) aufunsere vermeintliche Gerechtigkeit nicht stolz zu sein, und3) stets Gerechtigkeit zu lieben und zu üben gegen un-sere Nebenmenschen.
Belehrung. 1) Gott ist heilig und gerecht; er ver-abscheut unendlich alles Böse; wie sehr müssen wir da-her nicht vor jeder Sünde zurückbeben? -— Erruft uns Allen zu: „Ich bin der Herr, euer Gott; seid hei-lig, weil ich heilig bin." (3. Mos.) Wie sehr sollen wiruns daher nicht bemühen, immer heiliger zu werden?2) Wenn wir aber Fortschritte in der Tugend und Heiligkeitgemacht haben, so dürfen wir auf unsere vermeint-liche Gerechtigkeit nie stolz sein; wir sind ja dochnur unnütze Knechte, und sollen deßhalb höchstens mit demheiligen Paulus (1. Cor. 4,4.) denken: „Ich bin mir zwarNichts bewußt, aber darum noch nicht gerechtfertiget: der michrichtet, ist derHerr." Endlich 3) sollen wir in all un-serm Thun und Lassen Gerechtigkeit auch gegenAndere üben; denn „mit welchem Maße wir einmessen,mit dem wird auch uns ausgemessen werden."
Beispiele und Anwendung. All diese segensreichenWirkungen brachte von jeher der Gedanke an Gottes Heilig-keit und Gerechtigkeit in allen Frommen und Heiligen hervor.Durch Nichts konnten sie je zu einer Sünde oder zu einerUngerechtigkeit bestimmt werden. So pflegte der heilige Ed-mund, Erzbischof von Canterbury, gar oft zu sagen: „Wennzu meiner Rechten ein brennender Kalkofen stünde, zu meinerLinken aber die Sünde, so wollte ich lieber ins Feuer sprin-gen, als in die Sünde Unwilligen." Und der heilige An-selm: „Wenn einerseits der Höllenschlund vor mir offen
stünde, anderseits aber die Sünde mich schmeichelnd lockenwürde, so wollte ich mich doch lieber lebendig in die HölleHinabstürzen, als der Sünde huldigen." — So sprachen die