Am Feierabende
welcher näher bei der Sonne ist, die ihn hervorbringt. Ja,so ist es, mein Christ! Je mehr du in Gottes Nähewandelst, desto vollkommener wirst du werden; denn der Ge-danke an Gottes Allgegenwart und Allwissenheit kann undsoll uns 1) überall, auch im Verborgenen vomBö-sen abhalten und zum Guten antreiben. Oderwürde denn ein Diener im Angesichte seines Fürsten etwasBöses zu thun wagen? würde er nicht vielmehr mit um sogrößerem Eifer seinem Dienste nachzukommen suchen? Weran Gott denkt, kann nicht sündigen. Daher rief der keuscheJoseph aus: „Wie sollte ich vor den Augen meines Got-tes sündigen!" Und Susanna rief den beiden gottlosenMännern, die sie gewaltsam zur Sünde reizen wollten, zu:„Ich will lieber ohne die That in euere Hände fallen, alssündigen vor dem Angesichte des Herrn." (Dan. 13.) DerGedanke an das allsehende Auge Gottes spornte auch den al-ten Tobias an, selbst im Dunkel der Nacht die Todten zubegraben und so im Stillen die Nächstenliebe zu üben. Schonder heidnische Weltweise Seneca hatte daher die Ansicht,daß es kein kräftigeres Mittel gebe, sich überall gut und ehr-bar aufzuführen, als daß man sich immer vorstelle, es stehean unserer Seite ein hochangesehener und tugendhafter Mann,welcher auf all unser Thun und Lassen Acht gebe, und vomBösen uns abhalten wolle. In der That, meine Christen!das ist ein sehr gutes Mittel. Wenn der Vater bei seinemKinde, wenn der Herr bei seinem Knechte, wenn der Meisterbei seinem Lehrlinge steht, dann getraut sich, wie die Erfah-rung lehrt, Keines irgend Etwas Böses zu verüben. Wennaber die Gegenwart eines schwachen und sterblichen Menschenschon so viel zur Verhütung des Bösen und zur Förderungves Guten vermag: um wie viel mehr wird dann die Gegen-wart des allheiligen, gerechten und allmächtigen Gottes ver-mögen? Ist schon die Furcht vor der kleinen und kurzenStrafe, womit wir von Menschen für das Böse gezüchtigtwerden, im Stande, uns von der Sünde abzuhalten; um wieviel mehr wird dann die Furcht vor der ewigen Strafe ver-mögen, womit der gerechte Gott die Sünder in der Höllestraft? Es ist nicht zu bestreiten, das Andenken an die Ge-genwart Gottes muß einen überaus heilsamen Einfluß aufunser Thun und Lassen ausüben, uns vom Bösen abschreckenund zum Guten antreiben. Aber es kann und soll uns 2)auch bei unfern Leiden und Trübsalen trösten.„Wenn wir hiemeden streiten und leiden, so schaut uns Gott,schaut uns Christus, schauen uns die heiligen Engel zu. Welchein Trost, welch eine Ehre muß das für uns sein, vor sol-chen Zuschauern zu kämpfen und den Kampfpreis zu erringen?"
Mchler, Hausbuch.
des 18. Januar. 49
also schreibt der heilige Cyprian. Mit diesem Gedankentröstete sich auch der König David in jeglicher Gefahr, Ver-folgung und Trübsal, indem er ausrief: „Wenn ich auch
wandle mitten in Todesschatten, so will ich doch nichts Ueb-les fürchten, weil du, o Herr! bei mir bist." (Ps. 22, 4.)Und der fromme Dulder Job fand bei seinen Leiden nurTrost und Stärke in der Erinnerung daran, daß Gott seinLeiden sieht. „Siehe, im Himmel ist mein Zeuge," ruft eraus, „und der mich kennt in der Höhe!" (Job 16.)
Beispiel und Anwendung. Der Gedanke andas allsehende Auge Gottes hält uns vom Bösenab und ermuntert uns zum Guten. — Ein Jüng-ling klagte einst seinem Gewissensrathe, daß er sich so schwerder unkeuschen Gedanken cntschlageu könne. Da erwiederteihm der Priester: „Stelle dir vor, dein Kopf sei ganz durch-sichtig, wie Helles Glas, und Jedermann könne darin deineunflätigen Gedanken sehen." — „O weh!" seufzte der Jüng-ling; „da müßte ich mich ja, wenn meine Gedanken sichtbarwären, vor Scham verkriechen." „Aber," fuhr der Gewissens-rath fort, „Heller noch und klarer, als im Glase, sieht GottAlles in dir; willst du dich nicht auch vor ihm deiner Ge-danken schämen?! Uebe dich in dieser Vorstellung, und duwirst deiner unreinen Gedanken leichter los werden." Undder Jüngling befolgte den Rath und wurde allmählig Siegerüber die unreinen Gäste. Uebe auch du dich, o Christ! indieser Vorstellung, und du wirst nie etwas Böses vor denAugen deines Gottes thun! — Die Erinnerung anGottes Allgegenwart und Allwissenheit wirddich aber auch stets trösten und stärken in allenLeiden und Trübsalen dieses Lebens. Die heiligeElisabeth wurde nach dem Tode ihres Gemahls ungerech-terweise angeklagt und mit ihren drei Kindern aus der Hei-mat verstoßen. Jammer und Elend war ihr Gefolge. Aberbei all diesen Leiden tröstete sie der Gedanke: „Gottes Auge,das über jeden Menschen wacht, weiß es, daß ich unschuldigbin; Er wird meine Unschuld entdecken." — Der heiligeChrysostomus wurde von der Kaiserin Eudoxia mit derLandesverweisung bedroht; da sprach er aber freudigen Mu-thes: „Wie, Kaiserin! du willst mich schrecken? Weißt dudenn nicht, daß Gott überall zugegen ist, und daß seine Un-ermeßlichkeit Himmel und Erde erfüllt? Du magst mich inder Welt hinschicken, wohin du willst, so bin ich versichert,daß ich meinen Gott daselbst finden werde." Siehe, wietröstlich und stärkend der Gedanke: „Gott ist überall! Ersieht mein Leiden!" für jede Seele ist, die so ganz und garverlassen dasteht, die unschuldig verfolgt und angefeindet wirdvon den Kindern der Welt! — Durch diesen Gedanken anGottes Gegenwart wurde in ihren Leiden und Martern ge-tröstet auch jene Heilige, deren Lebens- und Leidensgeschichtewir heute lesen in der
Legende: Die heilige Priska, Jungfrau uudMärtyrin. (P275.)
Selbe war eine vornehme römische Jungfrau und
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