Erstes Hauptstnck. Gott ist allgegenwärtig und allwissend
Jedem aus uns; denn in ihm leben wir und bewegen unsund sind wir." „Wo soll ich hingehen vor deinem Geiste?"ruft David (Ps. 138, 7—10.) aus, „und wohin fliehenvor deinem Angesichte? Stieg' ich gen Himmel, so wärestdu da! Nahm ich mir Flügel von der Morgenröthe undwohnt' ich am äußersten Ende des Meeres, so würde auchdahin deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten."— Ja, „Gott ist überall," sagt der heilige Bernhard;„überall ist sein Reich, überall seine Herrschaft, überall seineMajestät. Er erfüllt Alles, er umfaßt Alles." Ihm kön-nen wir also nicht entfliehen. Der Prophet Jonas hat eserfahren; er wollte vor dem Angesichte des Herrn entfliehen;allein schnell erreichte ihn der Arm des Allgegenwärtigen. Eserhob sich ein heftiger Sturm, und da man ihn für den Schul-digen hielt, um dessen willen der Sturm entstanden sei, sowarf man ihn in's Meer. Ein Wallfisch verschlang ihn, underst nach drei Tagen und drei Nächten wurde er durch einebesondere Fügung Gottes wieder an's Land gespieen. — Werkann dem Allgegenwärtigen entfliehen?
Fr. Was heißt das: Gott ist allwissend?
AntW. Das heißt: Er weiß Alles und von Ewig-keit her; er weiß das Vergangene, das Gegenwärtige unddas Zukünftige, auch unsere geheimsten Gedanken.
Belehrung. Die alten Aegyptier stellten sich Gottvor als das große Weltenauge, welches Alles durchdringe,ergründe und schaue. (Sieh das obige Bild!) Demgemäßverehrten sie, wie der heilige Cyrillus mittheilt, einen gol-denen Scepter, auf dessen Spitze ein großes, weitgeöffnetesAuge stand. Durch den goldenen Scepter wollten sie dieMacht und Herrlichkeit Gottes, und durch das offene Auge
seine Allwissenheit sinnbilden. Der große Kirchen-vater Augustinus spricht etwas Aehnliches aus,wenn er schreibt: „Ich sage, daß Gott ganz Auge,ganz Hand, ganz Fuß ist, indem er Alles sieht, Alleswirkt und überall gegenwärtig ist." — „Die AugenGottes," sagt die heilige Schrift (Sir. 23, 28. ff-),„sind viel Heller als die Sonne, so daß siedle tiefstenAbgründe in dem Herzen der Menschen, die verbor-gensten Winkel durchschauen; denn Gott dem Herrnsind alle Dinge bekannt gewesen, ehedenn er sie schuf;und so durchschauet er alle, nackdem sie gemacht sind."Mit diesen scharfen, Alles durchdringenden Augenschaut und prüft der allgegenwärtige Gott all unsereGedanken und Begierden, all unsere Schritte undTritte, all unser Thun und Lassen , all unsre Werke,wir mögen sie geheim oder öffentlich begehen. Erist ein beständiger Wächter, der Alles, das Gute und dasBöse sieht; das Gute, um es zu belohnen, das Böse, umes zu bestrafen.
Beispiel und Anwendung. Schon die Heiden hat-ten den Glauben, daß ihre Gottheiten allwissend seien. „Frem-der!" sagte einmal ein ägyptischer Gelehrter, der ausHeliopo-lis auf Befehl des Königs von Aegypten kam und mit Aesop,dem bekannten Fabeldichter, an der königlichen Tafel speiste,zum Aesop: „Fremder! die Gottheit, die ich anbete, hat
mich hieher gesandt, dir eine Frage zur Auflösung vorzulegen."— „Du," sagte hierauf Aesop zu ihm, „du drückst dich übelaus; denn Gott weiß Alles, und vor Ihm istNichts verborgen; also kann er auch Nichts von den Men-schen lernen. Du betrügest dich nicht nur selbst, sondern gibstauch die Unwissenheit deiner Gottheit zu erkennen." — Wahr-lich, eine schöne Antwort aus dem Munde eines Heiden, undim höchsten Grade beschämend für jene kleingläubigen odergar glaubenslosen Namenchristen, die da meinen, Gott wisseNichts um uns, und er kümmere sich nicht um unser Thunund Treiben, noch weniger aber um unser Denken und Sinnen.
Fr. Was kann und soll der Gedanke an Gottes All-gegenwart und Allwissenheit in uns bewirken?
AntW. Der Gedanke an Gottes Allgegenwart undAllwissenheit kann und soll uns 1) überall auch im Ver-borgenen vom Bösen abhalten und zum Guten antreiben;2) in jeder Noch uns Mnth und Trost gewähren.
Belehrung. „Je mehr wir in Gottes Nähe wandeln,"sagt der heilige Gregor vonNazianz, desto,, vollkommenerwerden wir; denn je näher eine Sache ihrem Ursprünge ist,desto vollkommener ist sie ihrem Wesen nach. So ist dasWasser reiner, welches näher bei der Quelle ist, aus der esentspringt; so ist die Hitze stärker, je mehr man dem Feuernahe ist, von dem sie kommt; jener Strahl ist leuchtender,