22 Erstes Hauptstück. Von der Erblehre oder Tradition.
Fr. Hat die heilige Schrift oder die mündliche Ue-berlieferung in der katholischen Kirche mehr Ansehen?
AlltW. Beide genießen in der katholischen Kirchegleiches Ansehen; denn beide enthalten GottesWort.
Belehrung. Die göttliche Offenbarung ist theils schrist-lich (durch die heilige Schrift), theils mündlich (durch dieUeberlieferung) auf uns gekommen; sonach enthält sowohl dieheilige Schrift, als auch die Ueberlieferung Gottes Wort,und es verdienen beide gleiche Verehrung und denselben Glauben,beide haben gleiche Geltung und gleiches Ansehen. Dieß lehrenschon die heiligen Väter mit aller Bestimmtheit. Der heiligeBasilius äußert sich hierüber also: „Die Glaubenslehren,welche in der Kirche gepredigt werden, sind theils durch dieSchriften, welche die Apostel verfaßten, theils durch die Hei-ligkeit der mündlichen Ueberlieferung zu uns gelangt: beidesind gleich wichtig, Jeder unterwirft sich ihnen." —- Und derheilige Chrysostomus schreibt: „Nicht Alles haben dieApostel ausgeschrieben; Vieles haben sie nur mündlich hinter-lassen, dieses verdient denselben Glauben, wie jenes." Ebendieses lehrt auch der Kirchenrath von Trient (sess. 4. ässoript. enn.) mit den Worten: „Alle Bücher sowohl des A. alsN. Testaments, da von beiden Gott allein der Urheber ist,sowie die Ueberlieferungen hinsichtlich der Glaubens- undSittenlehren.nimmt die heilige Shnode an und ver-
ehrt sie mit gleicher Hochachtung und Ehrerbie-tung .Wer aber diese Bücher nicht annimmt und ge-
nannte Ueberlieferungen wissentlich verachtet, der sei im Banne."
Legende: Die heiligen drei Könige.
Mit Freuden wollen wir die göttlichen Offenbarungenannehmen nnd denselben folgen, so willig und treu, wiedie heiligen drei Könige, deren Fest wir hente inder Kirche Gottes feiern. Ihnen offenbarte Gott derHerr die Geburt seines eingebornen Sohnes durch einenwunderbaren Stern, und sie machen sich ungesäumt ans,scheuen nicht den weiten Weg, nicht die Gefahren undBeschwerden der Reise und eilen hin nach Jerusalem,um den neugebornen König der Inden anzubeten. Dennals sie in diese Stadt kamen, verschwand der Stern, undsie glaubten am Ziele ihrer Reise zu sein. Daher erkun-digten sie sich daselbst um den neugebornen König derJuden. Allein Herodes und ganz Jerusalem mit ihm er-schrack über diese Frage; nur ganz kalt antworteten diePriester des Volkes, daß nach der Weissagung des Pro-pheten Michäas Bethlehem seine Geburtsstätte sein müßte;trugen aber selbst kein Verlangen, das göttliche Kind zusehen. Herodes aber sprach zu den drei Weisen: „Gehethin und forschet genau nach dem Kinde, und wenn ihr
es gefunden, so laßt mir's wissen, damit auch ich hingeheund es anbete." O der Schlaue! es war ihm nicht umdie Anbetung, sondern nur um die Ermordung des Kindeszu thun. — Sobald nun die drei Weisen die Stadt ver-lassen hatten, erschien ihnen der Stern wiederum, bis erüber dem Stalle zu Bethlehem stehen blieb, wo sie dasKind Jesu fanden. Sie fielen anbetend vor demselbenauf ihr Angesicht, öffneten ihre Schätze und reichten ihmGold, Weihrauch nnd Mhrrhen dar. — Auf die Er-
mahnung eines Engels, nicht mehr zu Herodes zurück-zureisen, kehrten die heiligen drei Könige auf einem an-dern Wege in ihre Heimath zurück. Ihre heiligen Leiberwerden schon seit mehr als 600 Jahren zu Köln amRhein mit hoher Verehrung aufbewahrt. >— Mein Christ!Auch uns leuchtet ein Stern, der Stern der göttlichenOffenbarung in der heiligen Schrift und in der Erblehre.Wohl uns, wenn wir ihm treulich folgen; er wird unsnicht nur zur Krippe des göttlichen Kindes, sondern auchzum Throne unsers Gottes führen!
Gebet. Allmächtiger Gott! laß uns in deinerunendlichen Güte und Barmherzigkeit fortan leuchten denStern deiner göttlichen Offenbarung und Gnade und be-wege unsere Herzen, ihm willig zu folgen, auf daß wirso gelangen zur Krippe deines Sohnes und zum Gnaden-throne deiner ewigen Herrlichkeit. Durch ebendenselbenChristum unfern Herrn. Amen.