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Am Feierabende
Jesus hatte ihnen nicht zu schreiben, sondern zu lehren be-fohlen; darum sprach er: „Prediget das Evangelium allenGeschöpfen!" (Mark. 16, 15.) und: „Wer euch höret, derhöret mich." (Luk. 10, 16.) Darum sagt auch der heiligePaulus (Röm. 10, 16.): „Der Glaube kommt vom Anhören,das Anhören aber von der Predigt des Wortes Christi." DasEvangelium war schon in drei Welttheileu verkündet, undbrachte schon die herrlichsten Früchte, che nur ein Buchstabedavon geschrieben war. Die Schriften des neuen Bundes ver-danken entstandenen Ketzereien, erhobenen Zweifeln und andernäußern Veranlassungen ihr Dasein, sind also bloße Gelegen-heitsschriften, nicht aber eine vollständige Sammlung derganzen Lehre Jesu, welches, wie wir gesehen, die heiligeSchrift selbst bezeugt. — Aus diesem Allen erhellt, daßeö neben der heiligen Schrift auch noch eine mündlicheUcberlieferung gebe, und daß wir diese ebenso an-nehmen und glauben müssen, wie Das, was in der heiligenSchrift enthalten ist.
Beispiel und Anwendung. Höre, mein lieber Leser!ein Geschichtchen, das uns ein scharfsinniger Mann (L e ssiu g)erzählt, und das uns die Möglichkeit und Nothwendigkeit derTradition zeigt. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts wollteein abgesetzter protestantischer Prediger auS der Pfalz mitseiner Familie sich nach Amerika begeben. Das Schiff, wor-auf er hinübersegelte, scheiterte an einer kleinen unbewohntenInsel, und von dem Schiffsvolke ertrank außer der Familiedes Predigers fast Alles. Der Prediger fand diese Insel so ange-nehm, so gesund, so reich an Allem, was zum Lebensunter-halt gehört, daß er gerne da blieb. Der Sturm hatte unterAndern eine kleine Kiste an das Land getrieben, in welcherunter allerlei Geräthschaften für seine Kinder auch ein Ka-techismus Luthers sich befand. Es versteht sich, daß dieserKatechismus bei gänzlichem Mangel an allen andern Büchern einsehr kostbarer Schatz für ihn wurde. Er fuhr fort, seineKinder daraus zu unterrichten, und starb. Die Kinder unter-richteten ihre Kinder wieder daraus und starben. Nur erstvor zwei Jahren ward wieder einmal ein hessischer Feldpredigeran diese Insel verschlagen. Der Feldprediger ging mit einigenMatrosen, die frisches Wasser einnehmen sollten, an's Landund erstaunte nicht wenig, sich auf einmal in einem ruhigen,lachenden Thale, unter einem fröhlichen Völkchen zu finden,das Deutsch sprach, und zwar ein Deutsch, in welchem er nurRedensarten und Wendungen aus Luthers Katechismus zu hörenglaubte. Er wird neugierig darüber, und siehe! er fand,daß das Völkchen nicht allein wie Luther sprach, sondern auchwie Luther glaubte. Der Katechismus war natürlich in denanderthalbhundert Jahren aufgebraucht, und sie hatten Nichtsmehr davon übrig, als die Bretterchen des Einbandes. „Indiesen Bretterchen," sagten sie, „steht das Alles, was wirwissen." — „Hat es gestanden, meine Lieben!" sagte derPrediger — „Steht noch, steht noch!" sagten sie. „Wirkönnen zwar selbst nicht lesen, wissen auch kaum, was Lesen
des 6. Januar.
ist, aber unsere Väter haben cs ihre Väter daraus hcrlesenhören. Und diese haben den Mann gekannt, der die Bret-terchen geschnitten." — Da sichst du, mein lieber Leser! auseinem Beispiele, wie es doch wohl möglich ist, daß sich dieLehre Christi auch ohne die Schrift auf die spätem Ge-schlechter habe fortpflauzen können. Ich weiß nun zwar nicht,ob diese Geschichte Wahrheit oder Dichtung ist, indeß dasthut Nichts zur Sache, indem es eiuleuchtet, daß sie dochwahr sein könne, und was sie uns veranschaulichen will, hatsich in der Wirklichkeit zugetragcn. Das Christenthum war,ehe noch die Evangelisten und Apostel Etwas geschrieben hatten.Es verlief auch eine geraume Zeit, ehe der Erste von ihnenschrieb, und eine sehr beträchtliche, ehe die einzelnen Stückeder heiligen Schrift gesammelt waren und sich im Besitze einerjeden Gemeinde befanden. War nun ein Zeitraum, in wel-chem die christliche Religion bereits so ausgebreitet war, inwelchem sie sich bereits so vieler Seelen bemächtigt hatte, undin welchem gleichwohl noch kein Buchstabe aus Dem von ihrausgezeichnet war, was bis auf uns gekommen ist, so muß esauch möglich sein, daß die von den Aposteln gelehrte Religionauch noch jetzt ohne die Schrift bestände. Wie könnte es auchanders sein? Hätte der Heiland gewollt, daß zu irgend einerZeit, und möchte sie auch noch so fern von ihm liegen, seineLehre nur durch die Schrift erkannt und verbreitet würde,so hätte er auch dafür sorgen müssen, daß alle Menschen mitder Schrift die Fähigkeit, sie zu lesen und sie zu verstehenbekämen. Er hätte seinen Jüngern den Befehl geben müssen,Alles genau aufzuschreiben u. s. f., was aber, wie wir obendeutlich genug gezeigt haben, durchaus nicht der Fall war.Es muß also die Ucberlieferung als zweite Glaubensquelleangenommen werden. Wenn daher die Protestanten nur dieheilige Schrift als Glaubensregel gelten lassen und die Ueber-lieferung verwerfen, so sind sie offenbar im größten Jrrthum,ja, sie widersprechen sich selbst, da sie mehrere Anordnungender Apostel beobachten, die nicht in der heiligen Schrift ent-halten sind. So feiern sie mit den Katholiken den Sonntag,taufen die kleinen Kinder, lehren, daß man das Sakramentder Taufe nicht wiederholen dürfe, essen vom Blute re., wovonNichts oder wohl gar das Gegentheil in der heiligen Schrift steht.Woher wissen sie aber, daß dieses Alles erlaubt sei? Woher an-ders, als aus der Ueberliefcrung der katholischen Kirche. Unddoch verwerfen sie die Ucberlieferung! — Wie gegründet und derWahrheit gemäß ist dagegen die Lehre der katholischen Kirche!Wir wollen uns daher treu an diese katholische Lehre halten unddie mündliche Ueberlieferung eben so hoch schätzen, als die heiligeSchrift selbst. Hiezu ermahnt schon der heilige Paulus (2. Thess.2, 14.) die ersten Christen, indem er schreibt: „So stehet dennfest, Brüder! und haltet fest an den lieb erlief er ungen,die ihr erlernt habet, es sei durch Wort oder durch einenBrief von uns." Ein Gleiches thun auch die heiligen Väterschon aus den ersten Jahrhunderten der Kirche. So ermahntder heilige Ignatius, ein Schüler der Apostel (ff 107),alle Gläubigen: „Haltet fest an den Ueberlieferungen derApostel!" Mit Recht beruft sich daher die katholische Kirchehinsichtlich ihrer Glaubens- und Sittenlehren ebenso auf dieUeberlieferung, wie auf die heilige Schrift.