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Erstes Hauptstück. Von der Erblehre oder Tradition.
KM
Sechstes Lesestück.
Am Feierabende des 6. Januar.
Von der Erblehre oder Tradition.
Fr. Ist es genug, wenn wir nur das glauben, wasin der heiligen Schrift steht?
Antw. Keineswegs; wir müssen ebenso die Erb-lehre oder Ueberliefernng (Tradition), d. h. jenegeoffenbarten Wahrheiten glauben, die in der heiligenSchrift nicht ausgezeichnet stehen, sondern (sieh hiezu dasobige Bild) von den Aposteln bloß mündlich verkündetund so an die christlichen Gemeinden überliefert odervererbt wurden, daher auch der Name: „mündlicheUeberlieferung" oder „Erblehre".
Belehrung. Die heilige Schrift ist und kann nicht dieeinzige Glaubensquelle sein; sie enthält ja das Wort Gottesnicht vollständig; es sind darin nicht alle Glaubensartikelund Gebote enthalten; so kömmt z. B. in der heiligen Schriftnicht einmal das Wort „Dreifaltigkeit" vor; es findetsich darin Nichts über die Zahl der heiligen Sakramente, Nichtsüber die Kindertaufe, Nichts über die Feier des Sonn-tags anstatt des Sabats u. s. f. Die heilige Schrift sagtselbst, daß mehrere heilige Bücher verloren gegangen seien.
Als solche werden z. B. genannt das Buch der Kriege desHerrn, das Buch der Gerechten, die Weissagungen mehrererPropheten, ein Brief des heiligen Paulus an die Korinther.Mit diesen Büchern sind gewiß auch mehrere geoffenbarteWahrheiten zu Verlust gegangen, welche in den andern Büchernnicht enthalten sind. Mithin ist also nach dem Zeugniß derheiligen Schrift selbst das Wort Gottes nicht mehr vollständigin ihr enthalten. — Die Apostel und Evangelisten bezeugen esdeutlich, daß nicht Alles ausgeschrieben sei, was Christus gethanund gelehrt habe. Der heilige Johannes schreibt am Ende seinesEvangeliums: „Es ist aber noch vieles Andere, was Jesusgethan. Wollte man dieses einzeln aufschreibcn, so glaubeich, würde die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreibenwären." (Joh. 20, 25.) Und (20, 30) sagt er: „Jesushat noch viele andere Zeichen vor den Augen seiner Jüngergethan, die in diesem Buche nicht geschrieben sind." Derheilige Lukas sagt (Apostgesch. 1, 3.), daß Jesus nach seinerAuferstehung mit seinen Jüngern vom Reiche Gottes geredet;was er aber geredet, hat er nicht ausgeschrieben. Ganz fehlenalso die wichtigen Belehrungen, die Jesus nach seiner Auf-erstehung seinen Aposteln ertheilt hat. Wie kann also die hei-lige Schrift das Wort Gottes vollständig enthalten? — Es hat-ten aber auch die Apostel weder den Auftrag, noch die Absicht,eine vollständige Sammlung der Lehren Jesu zu veranstalten.