Druckschrift 
Dritter Band (1833) M bis R
Entstehung
Seite
855
Einzelbild herunterladen
 

,. Rußland seit dem Jahre 1829 855

Volksaufstandcs Treue und Anhänglichkeit bewiesen hatte. Den Kalisch begabsich der Kaiser nach Modlin, wohin ihm auch der Herzog von Nassau gefolgt war.Er nahm daselbst am 22. Sept. die neuen Festungswerke in Augenschein und hieltam 23. Heerschau. Es waren bei Modlin 44,000 Mann Truppen versammelt,die vor bem Feldmarschall Fürst von Warschau das Gewehr prasentirten und den-selben aus ein vom Kaiser selb.st gegebenes Zeichen mit ihrem Hurrah begrüßten.Ss sehr zeichnete der Kaiser diesen Feld-Herrn aus! Eine Deputation der StadtWarschau, die ihn bat, daß er die Hauptstadt mit seiner Gegenwart beglückenmöchte, wurde nicht angenommen und erhielt zur Antwort:daß Se. Majestätnach Polen gekommen wären, um die Armee zu sehen, mit welcher allerhöchst-dieselben ganz zufrieden waren; dies könne aber mit Warschau nicht der Fall sein.Se. Majestät würden nur dann wieder daselbst erscheinen, wenn sich die Einwoh-ner der Stadt aufs Neue ihre Achtung verdient hätten, in welchem Falle sie mitVergnügen dahin zurückkehren würden " Am 24. Abends langte der Kaiser, vonModlin kommend, bei dem auf dem rechten Weichselufer errichteten Brückenköpfean und ließ sich in einem Boote nach der Alexandrowschen Citadelle über die Weich-sel setzen. Daselbst war vor den Casernen die Garnison *) von Warschau aufge-stellt. Als der Kaiser die Citadelle verließ, um nach Modlin zurückzukehren, wandteer sich an den Kriegsgouvernenr, Generaladjutanten Grasen Pankratieff, mit denWorten:Ich bin zwar nach der Citadelle gekommen, aber nicht nach Warschau;wögen dessen Einwohner dies wissen." Am 25. reiste der Kaiser von Modlin abund traf am 28. Sept. in Zarskoje-Selo ein. Graf Neffelrode blieb noch einigeZeit in Berlin, um die Verhandlungen mit dem Minister Ancillon fortzusetzen, undkehrte erst im Oct. nach Petersburg zurück. Hierauf folgte die Zusammenkunftdes Kaisers von Ostreich mit dem Könige von Baiern in Linz; der König und derPrinz Mitregent von Sachsen hatten ihm früher in Prag ihren Besuch abgestattet.Da nun auch der Vicekönig von Hancvec längere Zeit in Berlin gewesen war, soschloß man aus allen diesen fürstlichen und diplomatischen Zusammenkünften, daßWichtiges besprochen und kn der Hauptsache beschlossen worden sei. Die weitereEntwicklung und Feststellung soll auf einen Ministerialcongresse in Wien erfol-gen. Über den Gegenstand und die Aufgabe desselben hat man nur Vermu-thungcn. Dem widersinnigen Gerücht von der Aufstellung eines neuen Völkerrech-tes ist, wie cs sich von selbst verstand, bestimmt widersprochen worden; dagegenscheint sehr glaubhaft zu sein, was einer der ersten Staatsmänner in Teplitzzwei, Tage vor der Abreise des Königs von Preußen gesagt haben soll:DasBestehende soll überall in Recht, Pflicht und Besitz geschirmt, also nichts,das ist, angetaflet werden; aber die böse Saat, welche in manchen GegendenDeutschlands, der Schweiz, Italiens noch immer Amchert, soll nirgends zur Reifekommen."

So steht Rußland, mit Ostreich und Preußen sowie mit den deutschen Re-gierungen einverstanden, in der Mitte des europäischen, auf monarchisch-konserva-tive Principien gestützten Friedenssystems dem leidenschaftlichen, Krieg begehren-den Republikanismus in ernster Haltung gegenüber. Möchten bald Entwaffnungund Handelsfreiheit der Zielpunkt einer aus der Bahn der Reform der Verwaltungfortschreitenden Politik sein! **) (7)

*) Sie besteht aus 18 Bataillons Infanterie und 8 Schwadronen Cavalerie mit12 Geschützen.

,**) Außer den öffentlich bekannt gewordenen Aktenstücken und dem bereits ange-führtenkrecis cles notiou8 Iristorigues sur In formatron llu corpg iois rusros"und Schnitzler sLssar cl'une 5 t»tisligue äe I'ewpire liv Kussik" (Paris 1329),nennen wir noch die Schrift des Kammerherrn W. Pelischinsky:Rußlands in-dustrielle Macht" (Petersburg 18SZ); Wsevolojsky'svictiommirelttttvrigue cle 1'enwrre äo Husxiv" (3.,Aust., 2 Bde., 1838); AkmatosffsHisto-