Parier und daö P«;rier'sche Ministerium
477
rief er einst gegen Odilon-Barrot aus: „Die Ursache alles unsers Unglücks ist,daß man sich einbildet, daß eine Revolution in Frankreich stattgefunden habe!Nein, es ist keine Revolution gewesen, das Volk wollte keine."
Casimir P., geboren zu Grenoble am 12. Ott. 1777, war der Sohn desKaufmanns Claude P., Eigenthümers des Schlosses Vizille bei Grenoble, inwelchem 1789 zum letzten Male die Stande der Dauphine versammelt gewesensind. Er wurde erzogen im Collegium des Ordens der Vater vom Oratorium zuLyon, trat nach der Revolution frühzeitig in Militärdienste und machte 1799 und1809, als Adjoint im Geniecorps, die Feldzüge in Italien mit, wurde aber die-ser Laufbahn durch den Willen seines Vaters entzogen, der ihn auf dem Todbettedem Kaufmannstande bestimmte. Diesem gemäß errichtete er in Gemeinschaft mitseinem Bruder Scipion (s. Bd. 8) ein Handelshaus zu Paris, und erwarbsich durch Fleiß, Ordnung, Einsicht und überaus glückliche industrielle Unterneh-mungen nicht blos ein unermeßliches Vermögen, sondern auch als Kaufmann undMensch den Ruf eines rechtlichen, Zutrauen verdienenden Mannes. Sein Cha-rakter und Wandel als Gatte und Vater wird von Freund und Feind gleichmaßiganerkannt und gerühmt. Beneidet und zufrieden in dem Kreise einer liebenswür-digen Familie, war der reiche und glückliche Bankier der Vater und Ernährervieler tausend Armen. Da entriß die Jaubermacht der Politik den lebenskräftigen,geistvollen und beredten P. dem Frieden seines Hauses und führte ihn auf die Dor-nenbahn des parlamentarischen Lebens, auf welcher er, nachdem er 14 Jahre hin-durch die Ehren der Popularität genossen, hierauf 14 Monate lang den Kelch derLeiden eines constitutionnellen Ministers bis auf die Hefe geleert, endlich der Cho-lera und dem Wahnsinn erlag.
Von seinem ersten Auftreten auf der politischen Bühne ist P. ein entschiede-ner, heftiger Oppositionsmann gewesen. In den Ansichten der Revolution aufge-wachsen, glaubte er in dem Gleichgewichte der Gewalten den Staat der Freiheit zuerkennen. Tiefere Studien der Geschichte und Politik hatte der praktische Ge-schäftsmann nie anstellen können. Die Stimmen auf der Tribüne und die Jour-nale, welche der Restauration feindlich entgegentraten, weil sie die alte Aristokra-tie in ihrem Gefolge erblickten, bestimmten P.'s politische Ansichten. Arbeit, Er-werb und Reichthum waren ihm die Angelpunkte der Staatskunst. Schon 181t>gab er eine Flugschrift gegen das damalige Finanzsystem heraus, die so viel Beifallin den Reihen der Opposition fand, daß er 1817, nachdem er kaum das gesetzlicheAlter erreicht hatte, zum Deputirten erwählt wurde. Seit dieser Zeit bis zu denTagen, wo der Volkssieg den neuen Thron aufrichtete und P. selbst bald darauf andas Ruder der Gewalt kam, hat er die Grundsätze der linken Seite nicht verleug-net. Wie Foy, Manuel, Benjamin Constant widerstrebte er kräftig den Ansprü-chen des Hofes und der Priester. In ihm verkörperte sich gleichsam der Widerwilledes industriellen Mittelstandes gegen die Macht des Adels. Spaterhin nahm seineOpposition einen mildern Charakter an, und Karl X. schätzte ihn persönlich. Dennnie stand P. auf dem Boden der revolutionnairen Bewegung; auch blieb er den Um-trieben zum Sturze der ältern Linie, wenn anders solche der Juliuskataftrophe vor-ausgegangen sind, völlig fremd. Darum konnten es ihm, dem nachmaligen Mini-sterpräsidenten, die Anhänger des republikanischen Systems nicht verzeihen, daß er,so lange der Kampf in den Straßen von Paris unentschieden hin und her schwankte,die Jnsurrection gemisbilligt und seinen versammelten Mitdeputirten dringend em-pfohlen hatte, die Grenzen der Gesetzlichkeit nicht zu überschreiten, ja, daß er einemflüchtigen, von den Lanci.rs hart bedrängten Trupp der Juliushelden die Thoreseines Hauses verschlossen halte. Allerdings mochte der besorgte Kaufmann da-mals die Schrecknisse einer Revolution, Herrschaft des Pöbels und Anarchie vor-aussehen. Sein politisches System selbst war frei von jedem Streben nach eignem
1
'